Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 8. April 2018

HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT (1970)














MARK OF THE DEVIL (internationaler Titel)

Deutschland 1970
Regie: Michael Armstrong, Adrian Hoven
DarstellerInnen: Olivera Katarina, Udo Kier, Herbert Lom, Herbert Fux, Johannes Buzalski, Gaby Fuchs, Michael Maien, Reggie Nalder

Inhalt:
Der gefürchtete Hexenjäger Lord Cumberland und seine Schergen lassen sich in einem kleinen Dorf nieder. Der dort bisher tätige Hexenjäger Albino findet das gar nicht lustig und legt sich sogar mit Cumberland an. Indessen tun Cumberland, sein Adept Christian und seine Folterknechte das, was sie am besten können – Angst und Schrecken verbreiten indem sie willkürlich Anschuldigungen gegenüber Frauen und Männern erfinden, Geständnisse durch Folterungen erpressen und Scheiterhaufen anzünden. Doch eine gewisse Vanessa Benedikt, die alsbald der Hexerei bezichtigt wird, soll sowohl Lord Cumberland als auch Christian, der sich in sie verliebt, gefährlich werden...


Die mutige Vanessa (Olivera Katarina)


Christian (Udo Kier) - Hexenjäger in Ausbildung


Die Grausamkeit der Hexenverfolgungen ist ein besonders dunkles Kapitel in der europäischen Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Niemand war vor den falschen Anschuldigungen gefeit und man war der absoluten Willkür, die in den sogenannten Hexenprozessen vorherrschte, völlig ausgeliefert.
Obwohl das Drehbuch von "Hexen bis aufs Blut gequält", insbesondere die hölzernen Dialoge, augenscheinlich nicht besonders ausgefeilt waren, fängt der Film die damalige Stimmung unter der Bevölkerung und die gelinde ausgedrückt fragwürdige Position der Kirche und Machthabenden sehr gut ein.

Die gesamte Problematik und Dramatik und besonders der an den Tag gelegte Sadismus der Folterer kommt trotz manchmal etwas unzusammenhängender Erzählung zur Geltung. Folterungen von unschuldigen Männern und Frauen werden mit lebensecht wirkenden Effekten gezeigt.
Und das alles passiert mitten in einer Umgebung, die uns nicht nur besonders vertraut, sondern sogar fast romantisch erscheint. Die Aufnahmen, die vornehmlich in Österreich (Drehortvergleich folgt demnächst) gemacht wurden und an deutsch-österreichische Heimatfilme erinnern, bilden einen krassen Kontrast zum Inhalt des Films.
Dies gilt auch für den kultig-kitischigen Soundtrack von Schlagerstar Michael Holm ("Mendocino", "Tränen lügen nicht", "Barfuss im Regen").
Ja liebe Eltern, er hat wirklich die Musik zu diesem brutalen Film gemacht und dank euch und eurer Schallplattensammlung muss ich seine Hits gar nicht im Internet nachlesen, sondern kann sie sogar immer noch mitsingen!

Dort, wo man auf den ersten Blick vermuten würde, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und die Welt noch in Ordnung ist, genau da werden in dunklen Verliesen Daumenschrauben angesetzt, Frauen auf Streckbänken gemartert, Wasserfolter und jede andere erdenkliche Methode angewendet. Da, wo man sich ein beschauliches Dorfleben erwartet, werden Menschen öffentlich geteert und gefedert und die besonders Unglückseligen lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Die überwiegende Zahl der Opfer war weiblichen Geschlechts und als ausgleichende fiktive Gerechtigkeit haben wir es in "Hexen bis aufs Blut gequält" mit einer Frau in der Hauptrolle zu tun. Eine Frau, die eine Heldin ist.
Genauer gesagt die attraktive serbische Schauspielerin und Sängerin Olivera Katarina in der Rolle der Vanessa Benedikt. Vanessa ist selbstbewusst und willensstark. Sie lässt sich nicht unterdrücken und nicht einmal der sadistische Albino (Reggie Nalder) schafft es, sie in Angst und Schrecken zu versetzen.
An ihr beisst sich sogar Lord Cumberland (Herbert Lom) die Zähne aus und sie ist es, die eine Widerstandsbewegung unter der von den Hexenjägern terrorisierten Bevölkerung in Gang bringt.

Obwohl Olivera Katarina mit ihrem süßen Silberblick eine Augenweide war, ist der Star des Films eindeutig Udo Kier. Der deutsche Mime, der es bis nach Hollywood geschafft hat und immer noch in Kinoblockbustern (zuletzt "Downsizing") Rollen ergattert, sah gerade zum Zeitpunkt der Dreharbeiten besonders interessant aus. Hexenjäger-Azubi Christian hat zwar nicht viel zu sagen oder wirklich Relevantes zur Handlung beizutragen, aber während Udo mit dem sprichwörtlichen Stock in dem von hellblauen Samt umhüllten Allerwertesten durch die Gegend tapst und nichtssagende Phrasen drescht, hat man wenigstens ausreichend Zeit, in seinen riesigen grünen Augen zu versinken. 


Kultiger Bösewicht Albino (Reggie Nalder)


Besonders eindrücklich sind neben Udos Präsenz jedoch auch die Szenen in denen Reggie Nalder ("Geheimnis der schwarzen Handschuhe", "Brennen muss Salem") als sadistischer Hexenjäger Albino den DorfbewohnerInnen das Fürchten lehrt.

Die Bezeichnung "umstritten" trifft sowohl auf die Umstände, unter denen der Film zustande gekommen ist als auch auf das Werk selbst zu.
Die Gerüchte ranken sich um persönliche und künstlerische Differenzen zwischen dem für den Film ursprünglich engagierten britischen Regisseur Armstrong ("Gänsehaut") und dem Produzenten Adrian Hoven, weshalb Letzterer einen Teil der Regiearbeit schließlich kurzerhand selbst übernommen haben soll.
Noch immer besitzt "Hexen bis aufs Blut gequält" deutliches Spaltungspotential beim Publikum. In Zeiten, in denen sogar Mainstream FilmkonsumentInnen etwas derbere Splatterszenen gewohnt sind, wirkt dieser 70er Jahre Exploitationfilm auf Viele gar nicht mehr so schockierend.
Manche halten ihn jedoch weiterhin für unnötig grausam und schimpfen auf die dort zelebrierte Misogynie. Wobei sich mir diese Argumentation nicht ganz erschließt.  Frauenverachtung war immerhin ja eines der Kernprobleme der Hexenverfolgungen. Im Film werden auch Männer gefoltert und müssen blank ziehen und das größte Identifikationspotential besitzt außerdem die heldinnenhafte Vanessa. Aber wir alle sehen schlussendlich das, was wir sehen wollen.

Die sowieso rein subjektiv definierten Grenzen des guten Geschmacks außer Acht lassend bekenne ich hiermit, dass ich mir "Hexen bis aufs Blut gequält" seit vielen Jahren immer und immer wieder mit großem Vergnügen ansehe. Und ich bin froh, dass ich in einer Zeit und Gesellschaft lebe, in der man für solche Aussagen (und manch Anderes) nicht auf einem Scheiterhaufen landet...





Foto: DVD von XT und Blu Ray von Arrow Video




Foto: Digipak (BD) von Turbine






Foto: OST von Diggler Records



Sonntag, 25. März 2018

PARANOIAC (1963)















HAUS DES GRAUENS

Großbritannien 1963
Regie: Freddy Francis
DarstellerInnen: Janette Scott, Oliver Reed, Sheila Burrell, Maurice Denham, Alexander Davion, Sydney Bromley u.a.


Inhalt:
Familie Ashby hat schon mehr als einen Schicksalsschlag hinter sich. Simon und Eleanor sind zwar mittlerweile erwachsen, aber immer noch eng verbunden mit ihrer Tante Harriet, die sich nach dem Unfalltod der Eltern um die Waisenkinder gekümmert hat. Simons und Eleanors Bruder Tony nahm sich als 13 Jähriger das Leben. Seine Leiche wurde nie gefunden, nur ein Abschiedsbrief. Eleanor, die seitdem zunehmend dem Wahnsinn verfällt, ist auf die Pflege einer Krankenschwester angewiesen und lebt im Haushalt ihrer Tante Harriet. Trinker Simon wartet auf die Auszahlung seines Erbanteils. Als eines Tages wie aus dem Nichts ein Mann auftaucht, der sich als Tony ausgibt, gerät die Welt der Ashbys zunehmend ins Wanken... 



Simon (Reed) ist schockiert


Eleanor (Scott) schmachtet ihren Bruder Tony an


Seitdem ich die informative und zugleich berührende Oliver Reed Biographie "What fresh lunacy is this?" gelesen habe, versuche ich meine Bildungslücken bezüglich seiner Filmographie nach und nach aufzufüllen. Der Autor führt zahlreiche Beispiele für die herausragenden schauspielerischen Leistungen Ollies, wie er von Fans und Freunden liebevoll genannt wird, an.
"Haus des Grauens" wird dort zwar erwähnt, allerdings in erster Linie wegen Reeds offenbar unerwiderter Liebe zur Hauptdarstellerin Scott, die sich zu einer regelrechten Obsession entwickelte, die für die junge Schauspielerin beängstigend und sogar bedrohlich wirkte.


Doch worum geht es in diesem Psycho-Thriller aus dem Jahr 1963?
Da hätten wir ein paar reiche Erben aus gutem Hause, die durch den Tod der Eltern und den Suizid des Bruders augenscheinlich traumatisiert sind und grundverschieden auf das Auftauchen des vermeintlich verstorbenen Tony reagieren. Eleanor, die bis dahin depressiv und sogar akut suizidal war, wirkt glücklich und gelöst. Simon dagegen gibt sich zunehmend rabiater und gereizter. Nur Tante Harriet ist unverändert seltsam bis bösartig. Irgendetwas Eigenartiges geht im Hause Ashby vor und die beklemmende Stimmung steigert sich von Szene zu Szene.


PsychologInnen würden in Anbetracht der Ashbys wahrscheinlich von einer klassischen dysfunktionalen Familienstruktur mit typischen Merkmalen wie beispielsweise emotionalem Missbrauch, geringer Kommunikationsfähigkeit, Grenzüberschreitungen und starkem Machtgefälle sprechen. Dies ist relativ offensichtlich.
Natürlich erkennt man auch ganz ohne psychologische Vorbildung, dass die Familienkonstellation der Ashbys schlichtweg ungesund ist. Doch die Hintergründe bzw. die wahren seelischen und moralischen Abgründe bleiben lange im Dunkeln.


Wer verbirgt sich hinter der Maske?
Fragen über Fragen


Zunächst steht das muntere Entwirren roter Heringe, das ich manchmal auch gerne als "Scooby-Doo-Ratespiel" bezeichne, im Vordergrund der Geschichte.
Ist Tony wirklich der tot geglaubte Bruder oder ein Hochstapler? Spukt es im Haus? Wer singt des Nächtens so unheimlich zu den Orgelklängen in der Hauskapelle? Wer ist hier eigentlich am Verrücktesten? Warum verhalten sich alle bis auf die wundersam geheilte überglückliche Eleanor so paranoid?
Fragen über Fragen, doch nach Außen muss und soll der Schein der Familie Ashby unbedingt gewahrt bleiben. Der gute Ruf der Familie steht über Allem.

Die britische Schauspielerin Janette Scott zeigt ein facettenreiches und authentisches Schauspiel in der Rolle der vom Schicksal gebeutelten Eleanor. Die attraktive Darstellerin verkörpert mit ihrer teils unschuldig-naiv wirkenden Rolle das Gegengewicht zur finsteren und verbitterten Tante Harriet (ebenfalls großartig gespielt von Sheila Burrell).

Die beiden Damen und der restliche Cast werden allerdings etwas überschattet von der Naturgewalt Oliver Reed. Wie immer balanciert er knapp an der Grenze zum Over-Acting, liefert dabei aber eine höchst unterhaltsame Performance.
In manchen Szenen erwartet man regelrecht, dass er sich jeden Moment das Hemd vom Leib reißt und sich wie in "Der Fluch von Siniestro" in einen blutgierigen Werwolf verwandelt.
Seine Auftritte sind Drama pur. Seine Mimik, auch wenn er gerade nicht im Focus der Kamera ist, spricht stets Bände, seine verbalen Ausraster (herrlich in O-Ton) lassen einem beinahe das Blut in den Adern gefrieren.
Und selbst wenn er äußerlich ruhig bleibt, umgibt ihn die Aura eines Soziopathen ohne jegliche Fähigkeit zur Empathie.

Die Schwarz Weiß Fotografie des Kameramanns Arthur Grand, der zahlreiche Hammer-Filme, u.a. "Der Fluch von Siniestro", "Sie sind verdammt" oder "Nächte des Grauens" ästhetisch veredelte, hat auch "Haus des Grauens" mit seiner beeindruckenden Bildsprache geprägt.
Mithilfe von Blenden wurde eine Vignettierung (eine schwarze Randabschattung) über einzelne Bilder gelegt. Dies verstärkt die Stimmung des Films und deutet auf die immer eingeschränktere Wahrnehmung sowie den Tunnelblick des immer aggressiver werdenden Simon, hin.

Dieser Film, der natürlich in der Tradition von Hitchcocks "Psycho" steht, ist in Anbetracht seines Entstehungsjahrs geradezu als verwegen zu bezeichnen. Nicht nur wegen der inzestuösen Andeutungen, sondern auch wegen der darin vorkommenden Gewalt, den kunstvoll umgesetzten Effekten und der maskenbildnerischen Kunst in den letzten Szenen.
Im Vergleich zu dem thematisch verwandten, doch wesentlich biederer und sperriger wirkenden italienischen Thriller "Das dritte Auge", der drei Jahre später gedreht wurde, lässt Freddy Francis in Anbetracht des Jahres 1963 regelrecht die Regie-Sau raus. 

Wer übrigens - so wie ich - rätselt, warum ihm der bärtige Säufer, der von Simon in einem Pub mit Champagner abgefüllt wird, so bekannt vorkommt, der hat vielleicht - so wie ich - "Die unendliche Geschichte" oder "American Werewolf" schon mehr als ein Mal gesehen.
Es handelt sich nämlich um Sydney Bromley, der als markant aussehender Nebendarsteller mit Vollbart beispielsweise auch in "Tanz der Vampire" oder "Frankensteins Höllenmonster" mitgewirkt hat.

Dieser Schwarz Weiß Thriller der britischen Hammer Studios muss sich meiner Meinung nach vor keinem der Giallo-Klassiker aus Bella Italia verstecken und ist für alle empfehlenswert, die mit besagtem Genre etwas anfangen können.





Foto: Blu Ray von Anolis



Sonntag, 4. März 2018

IL CINICO, L'INFAME, IL VIOLENTO (1977)














DIE GEWALT BIN ICH

Italien 1977
Regie: Umberto Lenzi
DarstellerInnen: Maurizio Merli, Tomas Milian, John Saxon, Renzo Palmer, Guido Alberti, Bruno Corazzari, Gabriella Lepori, Gabriella Giorgelli, Claudio Nicastro, Tommaso Palladino, Omero Capanna, Salvatore Billa u.a.


Inhalt:
Bandenboss Luigi Maietto, besser bekannt unter dem Namen "Der Chinese", bricht aus dem Gefängnis aus und macht es sich in Rom gemütlich. Neben den üblichen kriminellen Machenschaften wie Schutzgelderpressung und Überfällen schickt er sogleich zwei Killer zum Ex-Polizisten Tanzi. Letzterer überlebt den Mordversuch und macht es sich nun zur Aufgabe, den Chinesen und seinen Kumpel Di Maggio, ebenfalls Bandenboss, zur Strecke zu bringen...


So guckt Tanzi (Merli) wenn er wütend ist


Schmierig und irgendwie cool: Der Chinese (Milian)


Ex Kommissar Tanzi (Maurizio Merli) hat sich vom Polizeibeamtentum verabschiedet und versucht sich im Zivilistendasein. Doch da ihm der Chinese (Tomas Milian) ans Leder respektive an die Brustbehaarung will, muss er sich bewaffnen und den Kampf gegen Maietto und seine Kumpane aufnehmen.
Doch ganz so schwer scheint ihm die Rückkehr in alte Verhaltensmuster nicht zu fallen, denn Leonardo Tanzi haut ganz offensichtlich immer noch gerne Gangstervisagen zu Brei. Seine Fäuste und Füße kommen dabei ebenso zum Einsatz wie zufällig ausgewählte Gegenstände, zum Beispiel ein herumstehender Fotoapparat.
Warum Tanzi kein Bulle mehr ist, wird nicht erklärt. Aber sein Hang zu roher Gewalt lässt doch gewisse Hypothesen zu.
Maurizio Merli (u.a. "Verdammte heilige Stadt", "Convoy Busters") gibt wie immer den radikalen (Ex-) Gesetzeshüter, dem alle Delinquenten schon auf den Ersten Blick den "Bullen" ansehen.
Obwohl der leider noch vor seinem 50. Geburtstag verstorbene Merli im Vergleich zu seinen Schauspielerkollegen in relativ wenigen Filmen mitspielt, zählt er zu einem der bekanntesten und markantesten Gesichter des italienischen Genrekinos.
Er besaß ein Händchen für Rollen, die ihn als chauvinistischen, jähzornigen und kompromisslosen Verteidiger des Gesetzes zeigen. Doch Halt. Es geht eigentlich nicht immer um Recht. Oft genug steht das subjektive Verständnis von Gerechtigkeit seiner Charaktere, das nicht unbedingt mit dem Gesetz in Einklang zu bringen ist, im Vordergrund. Er steht über dem Gesetz.
Dies kommt dann auch in Dialogen wie dem folgenden zum Ausdruck:

Inspektor Astalli zu Tanzi:
"(...) Aber denk daran, dass du jetzt keine amtlichen Befugnisse mehr hast! In keiner Beziehung! Du bist nur ein einfacher Bürger."
Tanzi daraufhin mit entschlossenem Gesichtsausdruck: "Na und? Ich hab auf Gangster geschossen, das werd ich auch wieder tun wenn's sein muss. Willst du mich deswegen verhaften lassen?"
Astalli: "Vielleicht."
Tanzi: "Das kann ich mir nicht vorstellen."

Ausnahme-Schauspieler Tomas Milian ("Der Todesengel", "Der Berserker") zieht als Chinese eine wirklich coole Show ab. Seine Seitenscheitel-mit-Schlurf-Zuhälterfrisur, die unregelmäßig abrasierten Augenbrauen, das Faible für extravaganten Schmuck und Kleidung verleihen ihm ein besonders fieses und schmieriges Aussehen.

Obgleich die Story - wohl dank der Beteiligung von drei Drehbuchautoren - sich manchmal etwas verfährt und in erzählerischen Sackgassen feststeckt, gelang Umberto Lenzi, dem Regie-Helden des italienischen Action-Kinos, eine spaßige und packende Umsetzung.
Ob wir uns jetzt gerade in Rom befinden oder Mailand – wen juckt's?
Immer, wenn man meint, dass eine Szene krass ist, wird noch ein Schäufelchen drauf gelegt in Sachen drastischer Grausamkeiten der Protagonisten. Der Ausspruch "Die Gewalt bin ich" könnte sowohl dem Chinesen als auch Di Maggio und nicht zuletzt unserem Ex-Kriminalisten Tanzi in den Mund gelegt werden.
Einige lustige Merkwürdigkeiten wie zum Beispiel dass der frisch ausgebrochene Chinese vorzugsweise in Gärten rumsitzt und auch nicht besonders intensiv von der Polizei gesucht wird, fallen nicht negativ auf. Manchmal scheinen sich die dargestellten Figuren sogar selbst über das alles zu wundern.

Sagt der Amerikaner (Di Maggio) zum Chinesen (Maietto):
"Ist es nicht riskant, so im Freien rumzusitzen? Die Bullen sind doch wie der Teufel hinter dir her."

Naaaja...

Abgesehen vom großartigen Merli und dem famosen Milian wurde für diesen Film eine ganze Armada an berühmten Genre-Schauspielern zusammengetrommelt: John Saxon ("La ragazza che sapeva troppo", "Asphalt Kannibalen"), der sogar im Altherren-Strickpulli eine gute Figur macht, Renzo Palmer als Inspektor Guido Astalli ("Racket", "Goodbye und Amen"), der sich wie immer von seiner sympathischen Seite zeigt, Guido Alberti ("Spasmo") und sogar der berühmte Omero "Taubenspucker" Capanna aus "Milano Kaliber 9" hat einen Kurzauftritt. Ergänzt wird die illustre Runde von der legendären "Rotznase" ("Der Mann ohne Gedächtnis") Bruno Corazzari, Claudio Nicastro (Don Giuseppe D'Aniello in "Der Teufel führt Regie"), Tommaso Palladino ("Das Syndikat des Grauens") und Salvatore Billa ("Auge um Auge", "Bewaffnet und gefährlich").

Die deutsche Synchro ist dem allgemeinen Unterhaltungswert natürlich ungemein zuträglich. Da werden am laufenden Band lustige Sprüche geklopft und denkwürdige Dialoge zum Besten gegeben.
Wie zum Beispiel als unser wackerer Ex-Polizist nach einem Verbrecher, der "Capuccino" genannt wird, sucht.

Tanzi zu einem Disco-Besucher: "Sagen Sie... Haben Sie Capuccino gesehen?"
Disco-Besucher: "Ja, ich hab ihn heute früh gesehen. (Pause) ...Und dann getrunken." (lacht sich scheckig)
Bei so einer Situationskomik schafft es nur Maurizio Merli, keine Miene zu verziehen.

Oder wenn der Chinese und seine Gefolgschaft wieder mal ihre mangelnde Bildung unter Beweis stellen:

Chinese: "Sehr geehrter Signor Frank" (sprich: Fränk oder Frenk).... "Sag mal, wie schreibt man eigentlich Frank? Mit E?"
Kumpel: "Nein, mit A."
Chinese: "Wieso sagt man dann Frenk?"
Kumpel: "Weiß ich nicht."

"Die Gewalt bin ich" hat vielleicht nicht das durchdachteste Drehbuch, zählt aber mit seinem eingängigen Soundtrack von Micalizzi, vergnüglichen Ideen und rasanten Wendungen, gut gelaunten DarstellerInnen und der knackigen Action zu den wichtigeren Beiträgen innerhalb des Poliziottesco-Genres.
Eine größerer Beliebtheitsstatus blieb ihm bisher eher verwehrt.
Dies könnte sich vielleicht durch die jüngste Veröffentlichung des Labels X-Rated ändern. Die Bildqualität der Blu Ray bietet gegenüber der bisher erhältlichen DVD eine deutliche Verbesserung, was dem Sehvergnügen absolut zuträglich ist.




Das weckt Erinnerungen... Mailand 1977 (aus dem Film) und 2015 (aus meinem Fotoalbum)








Foto: FilmArt DVD und Blu Ray von X-Rated (Eurocult Collection)



Sonntag, 25. Februar 2018

ALUCARDA, LA HIJA DE LAS TINIEBLAS (1977)















ALUCARDA – TOCHTER DER FINSTERNIS

Mexiko 1977
Regie: Juan L. Moctezuma
DarstellerInnen: Tina Romero, Susana Kamini, Claudio Brook, David Silva, Adriana Roel, Tina French, Lili Garza u.a.

Inhalt:
Das Waisenmädchen Alucarda wächst in einem Konvent auf. Mit ihrer neuen Zimmergenossin Justine versteht sie sich auf Anhieb. Kurz nachdem die beiden jungen Frauen im Wald einem Gauklerpaar begegnen, die Düsteres prophezeien, entfesseln sie in einer verlassenen Kirche einen gefährlichen Dämon, der Besitz von ihrer Seele zu ergreifen versucht...


Alucardas Geburtsort


Alucarda (re) erklärt Justine die Mysterien der Natur


Alucarda wird in einer verlassenen Kirche zwischen Särgen, Heiligenstatuen, Gargoyles und furchteinflößenden Fresken zur Welt gebracht. Überall ist Stroh, an den Wänden hängen rote Tücher. Der Ort, an dem das Mädchen das Licht der Welt erblickt, ist mysteriös und auf eigentümliche Art schön.
Ihre Mutter (Tina Romero in einer Doppelrolle) wirkt panisch und bittet eine Helferin, Alucarda in das Konvent zu bringen, damit das Kind in Sicherheit "vor ihm" ist.
Welcher Fluch auf Alucarda lastet, welche Bürde sie mit sich bringt, wird nicht genauer erläutert.

Als Alucarda (Tina Romero) sich im Teenager Alter befindet, lernt sie Justine (Susana Kamini) kennen. Aus Zuneigung entwickelt sich Freundschaft und sexuelles Interesse zwischen den beiden Mädchen, vielleicht sogar Liebe. Alucarda, die im Kloster aufwächst, wirkt in Anbetracht ihrer Sozialisation bisweilen etwas sonderbar, da sie immer schwarz angezogen ist und großes Interesse an weltlichen Dingen und der Natur außerhalb der Klostermauern  hegt.


Wie im Märchen - zwei Mädchen allein im (Zauber-) Wald


In der ersten Hälfte des Films lullt Moctezuma sein Publikum mit allegorisch anmutenden Bildern und bisweilen märchenhafter Atmosphäre ein. Man kann sich der Ahnung nicht erwehren, dass man es bei diesem Film mit einer Parabel zu tun hat, die die Mechanismen von strengen katholischen Glaubensgemeinschaften und den damit verbundenen religiösen Ritualen in Frage stellt.
Vieles riecht förmlich nach unverholener Religionskritik, ein Anprangern von kirchlicher Doppelmoral und deren potentiell negativen Auswirkungen auf die menschliche Psyche.
Eine Religion, deren Eckpfeiler auf Angst machenden Begriffen wie "Dämonen", "Hölle", "Sünde", "Schuld" und anderen negativ besetzten Begriffen basieren, wird (vermeintlich) enttarnt.
Als Alucarda und Justine ihre Liebe zueinander entdecken und aufgrund ihrer Erziehung und Umgebung überfordert sind mit ihrer Begierde, verwundert es nicht, dass sie sich den Dämonen zuwenden.


Die Wege des Blutes sind unergründlich (links)


Ein unbedarfter Betrachter könnte zumindest in der ersten Hälfte der Laufzeit noch meinen, dass die Gewänder der Nonnen das Gruseligste bzw. Expliziteste in "Alucarda" sind.
Die Klosterschwestern, deren Körper und Köpfe in Mullbinden gewickelt sind, erinnern von ihrem Erscheinungsbild her ein bisschen an ägyptische Mumien.
Die Gewänder der frommen Frauen sind teilweise gelblich verfärbt, aber vor allem rot. Blutrot. Ganz besonders die Röcke, deren Farbe von scheinbar sintflutartigen Menstruationsblutungen stammt. Wobei, sollte das Blut tatsächlich davon herrühren, die Nonnen ausschließlich exzessiv nach vorne bluten und der hintere Teil ihrer Kleidung unbefleckt bleibt. Ein Mysterium.
Doch genau das ist am Ende des Films wahrscheinlich der Teil, der am wenigsten irritiert!

Regisseur Juan López Moctezuma, der in vielen Bereichen künstlerisch tätig war, unter anderem als Maler, arbeitete vor seinem ersten eigenen Film mit seinem prominenteren und in manchen Kreisen verehrten Filmemacher Alejandro Jodorowsky zusammen. Bei "Fando y Lis" fungierte Moctezuma als Produzent, bei "El Topo" war er Co-Produzent.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Moctezuma sich bei seinem als Enfant terrible geltenden Kollegen Einiges abgeschaut hat, ist groß.
Besonders, wenn "Alucarda" plötzlich ins Skurrile und unverblümt Hysterische kippt.
Der Film verwandelt sich nämlich nach etwas seichtem Hin- und Herpendeln zwischen Märchen und Anfeindungen gegenüber dem christlichen Glauben zu einem überraschend derben bildgewaltigem Spektakel mit literweise Blut, Besessenheit, Vampirismus, Sex, Orgien, Verbrennungen, Levitationen und allem, was man sich selbst mit viel Phantasie kaum ausmalen kann.
Alucarda entwickelt sogar telekinetische Fähigkeiten und kann rein durch die Kraft ihrer Gedanken Nonnen anzünden wie Streichhölzer. Das Konvent verwandelt sich in ein Inferno.
Es wird blutig und radikal. Regan MacNeil ("Der Exorzist") und Carrie White ("Carrie" 1976) lassen grüßen.
Es ist alles real, die Bibel ist wörtlich zu verstehen. Es gibt einen Gott, Engel, den Teufel und Dämonen. Die Naturwissenschaft in Gestalt des Arztes Dr. Oszek wird ein für allemal eines Besseren belehrt und am Ende kann nur der (Aber-) Glaube siegen.

"Alucarda" ist in Wahrheit ein diabolisches Spektakel, das sich nach einem anfänglichen kleinen inhaltlichen Umweg zu einer Inszenierung in bester Grand Guignol Tradition wandelt.
Experimentierfreudigen und toleranten CineastInnen wird hier herrlich abstruse und bluttriefende Zerstreuung kredenzt.
Der Film wurde übrigens in englischer Sprache gedreht. Dem O-Ton sollte hier gegenüber der miesen, unpassenden und stümperhaft bis lächerlich klingenden deutschen Synchro unbedingt der Vorzug gegeben werden!




Foto: DVD von Mondo Macabro und cmv Laservision



Montag, 12. Februar 2018

DON'T LOOK NOW (1973)















WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN

Großbritannien, Italien 1973
Regie: Nicolas Roeg
DarstellerInnen: Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Cleilia Matania, Massimo Serato, Renato Scarpa u.a.

Inhalt:
Bald nach dem Tod ihrer kleinen Tochter Christine reisen John und Laura Baxter nach Venedig. Hier soll John im Auftrag des Bischofs eine Kirche restaurieren. Bei einem Restaurant Besuch lernt das britische Paar zwei ältere Schwestern aus Schottland kennen. Eine der Frauen ist blind und besitzt hellseherische Fähigkeiten. Sie erzählt Laura, dass Christine immer noch bei ihr ist und spricht eine Warnung aus – John befindet sich hier in Venedig in Lebensgefahr. Lauras Mann kann nicht verstehen, warum seine Frau der blinden Lady Glauben schenkt, obwohl er selbst immer häufiger Dinge sieht und erlebt, die nicht mehr rational zu erklären sind...


Drama pur bereits in den ersten Minuten


Laura am Tisch mit der Seherin (links) und deren Schwester


Die ersten Minuten von "Wenn die Gondeln Trauer tragen" sind auf emotionaler Ebene wahrscheinlich die dramatischsten des gesamten Werks. Immer, wenn ich diese Szenen gesehen habe, hatte ich das Gefühl, dass da neben dem Offensichtlichen (Christines Tod, dem Schock ihres Bruders und der Verzweiflung der Eltern) zugleich etwas nicht Greifbares, nicht Beschreibbares ist. Etwas, was dicht unter der Oberfläche lauert und doch meisterlich getarnt ist.
Es scheint der Geschichte etwas Mysteriöses inne zu wohnen, das hinter den intensiven Rot-Tönen und Spiegelungen lauert.
Dass der Anfang des Films bereits auf mehreren Ebenen andeutet, was am Ende passieren wird, habe ich erst jetzt bei der dritten Sichtung verstanden.

Die wahre Großartigkeit von Roegs Regie-Glanzleistung wurde mir genau genommen erst vor wenigen Tagen offenbar, als ich andächtig in einem kleinen Kino, umgeben von ausschließlich grau- und weißhaarigen Menschen saß. Weder die Unkosten für einen Kinobesuch in der Schweiz noch die Stimme einer älteren Dame hinter mir, die sich beim ersten Zoom auf Sutherlands Gesicht paradoxerweise mit leicht abfälligem Unterton äußerte: "Däs isch abr an alta Film!" vermochten meine euphorische Stimmung zu trüben.

Das Spiel mit Schatten, Lichtbrechung, Farben und Spiegelungen setzt kontrastreiche Akzente in den an sich langsam und fast träge inszenierten Handlungsrahmen in Venedig. Die gezielten Schnitte und dadurch erzeugten Unterbrechungen der Kontinuität von Szenen vermitteln ein Gefühl von surrealem Erleben. Wie Sprünge in der Oberfläche, wie Risse, die sich durch die Banalität des menschlichen Daseins ziehen.
Ebenso beeindruckend arbeitet Roeg mit Wiederholungen und Verfremdungen in einer Art und Weise, wie ich sie noch in keinem anderen Film erkennen konnte.
Die starke Symbolik der Bildsprache fordert das Publikum und bereitet den Pfad für unterschiedliche Deutungsebenen – religiös, psychologisch, übernatürlich. Diese inspirierende Wirkung, das Verführen zur eigenen geistigen Kreativität und Interpretation, zählt zu einem der bemerkenswertesten Aspekte von "Wenn die Gondeln Trauer tragen".

Wie der Originaltitel impliziert, kommt dem Sehen und dem Zeitpunkt des Sehens eine zentrale Bedeutung zu. Die tatsächliche Blindheit der Seherin wird der im übertragenen Sinne zu verstehenden Blindheit des Sehenden gegenüber gestellt. Die ältere Dame ohne Augenlicht versteht, was sie gerade wahrnimmt und vermag es in den richtigen Kontext zu bringen. John hingegen verwechselt fatalerweise das, was er sieht, mit der Realität und ignoriert infolgedessen jegliche Warnungen. Er kann nicht zwischen Sehen und Hellsehen unterscheiden. John verlässt sich nur auf einen seiner Sinne. Er nimmt keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft wahr.

Donald Sutherland (John Baxter) und Julie Christie (Laura Baxter) wurden nicht nur von Roeg zu schauspielerischen Höchstleistungen motiviert, sondern auch zu vollem Körpereinsatz. Die damals für einen kleinen Skandal sorgende Sex Szene zwischen dem Paar heizte Spekulationen darüber an, ob diese Sequenz tatsächlich nur gespielt war. Wie wir heute wissen, wurde sie minutiös mithilfe von genauen Regieanweisungen inszeniert.
Sutherland, der laut eigener Aussage unter Höhenschwindel litt, vollführte den waghalsigen und lebensgefährlichen Stunt in der Szene, in der er nur noch an einem Seil in halsbrecherischer Höhe über dem Marmorboden der Kirche hängt, höchstpersönlich. Die Arbeit an diesem Film hat den Schauspieler nachhaltig beeinflusst. Aus großem Respekt vor dem Regisseur benannte Donald sogar einen seiner Söhne nach ihm – Roeg Sutherland.

Venedig, die im Verfall begriffene Stadt, die nicht nur durch das seine Grundmauern abtragende Wasser, sondern auch vom Massentourismus allmählich ausgehöhlt wird, war und ist faszinierend. Besonders in der kalten Jahreszeit und in Abwesenheit von Tagestouristen verströmt es nach wie vor einen unwirklich morbiden Charme und regt mit seinen dunklen Gassen und spärlich beleuchteten Ecken die Phantasie an.
Dass Daphne du Mauriers Geschichte, auf der das Drehbuch basiert, in Venedig ihren Lauf nimmt und den Ort zu einem Schauplatz von Mysteriösem und menschlicher Tragödien wird, verwundert nicht. Diese Umgebung wirkt an sich wie eine Phantasie und fungiert als perfekter psychologischer Nährboden für Visionen. Für die ästhetischen Aufnahmen der Lagunenstadt und die faszinierende Bildsprache wurde Kameramann Anthony B. Richmond 1974 mit dem Britischen Filmpreis honoriert. 

Doch was wäre "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ohne die elegische Musik von Pino Donaggio, die zwischen Naivität, Melancholie und Dramatik changiert. Für mich zählt dieser Soundtrack zu den schönsten und tragendsten Kompositionen in der Geschichte der Filmmusik.
Er bildet einen essentiellen Bestandteil des Gesamtkunstwerks "Don't look now", das sich am Ende wie die Mosaiksteine in der Kirche, die John restauriert, zu einem großen formvollendeten Ganzen zusammenfügt.




Wie bei "Die Wiege des Satans" und "Parapsycho - Spektrum der Angst" fiel mir auf, dass ich einen kleinen Drehortvergleich (noch mehr Bilder in meinem Venedig-Drehort-Special hier) mit meinen Urlaubsfotos machen könnte et voilà:


Hier die Szene aus dem Film
















Es ist fast schon unheimlich, ich staune selbst... Mein Foto aus dem Jahr 2009


Die Kirche, die John restauriert



Mein Foto von der Kirche 2014


Hier stehen die älteren Damen neben der Säule...



... die man auf meinem Foto ebenfalls sieht


John als dunkle Gestalt zwischen den Bögen



Wieder ein merkwürdiger Zufall? Auf meinem Foto
befindet sich ebenfalls eine dunkle Gestalt an diesem Punkt


Screenshot von der Anlegestelle


Auch an dieser Stelle war ich auch schon. Wie man sieht...
















... das Haus hat heute eine andere Farbe, das Wasser steht höher


Foto: DVD vom Label Kinowelt



Sonntag, 4. Februar 2018

DRACULA (1958)















DRACULA
HORROR OF DRACULA (engl. Alternativtitel)

Großbritannien 1958
Regie: Terence Fisher
DarstellerInnen: Peter Cushing, Christopher Lee, Michael Gough, Melissa Stribling, Carol Marsh, Olga Dickie, John Van Eyssen u.a.


Inhalt:
Jonathan Harker möchte Graf Dracula in dessen Schloss besiegen. Doch sein Vorhaben ist nicht von Erfolg gekrönt und er stirbt. Seine Verlobte Lucy liegt währenddessen mit einer seltsamen Erkrankung, ähnlich einer Anämie, darnieder. Lucys Bruder und seine Frau sind überfordert, der behandelnde Arzt ratlos. Glücklicherweise taucht Jonathans Weggefährte Dr. Van Helsing auf. Er hat Jonathas Tagebuch gelesen und nimmt den Kampf gegen die böse Kreatur der Nacht auf...


Vertrauenswürdig: Van Helsing (Peter Cushing)


Die Bestie zeigt sich


Bram Stokers Roman "Dracula" aus dem Jahre 1897 machte den Vampirmythos populär und Erzählungen über blutsaugende Untote salonfähig. Bis zum heutigen Tag liefert Stokers Erzählung Grundlage für diverse Romane, Gedichte, Filme, Songtexte und sogar Musicals.
Vampire sind schon vor langer Zeit im Mainstream angekommen und die Geschichten über diese unheimlichen Wesen scheinen ebenso unsterblich zu sein wie sie selbst.

Doch zurück zum Anfang. Nach Friedrich Wilhelm Murnaus Roman getreuer Verfilmung "Nosferatu" versuchten sich Regisseur Tod Browning und einige andere Filmemacher an der Legende über menschenähnliche Blutsauger.
Was die Hammer Studios schließlich im Jahre 1958 mit Bram Stokers Erzählung anstellten, brachte eine innovative Nuance in die althergebrachte Geschichte.
Terence Fisher und Co. klopften den Staub vom Buchumschlag, befreiten den Einband von Spinnweben und entfernten einige der stark angegilbten Seiten.
Das Ergebnis war der erste farbige, inhaltlich modernisierte "Dracula", der zugunsten von rasanter Handlung auf den etwas subtileren Grusel verzichtet.
Die mit offensichtlicher Liebe zum Detail gestalteten Kulissen – das Schloss, die modrigen Keller, die geschwungenen Säulen, das klassische Interieur, der dichte Nebel und die Spinnweben tragen wie die SchauspielerInnen dazu bei, dass dieses Werk nicht nur einen Platz im Museum of Modern Art Tokyo, sondern auch im Herzen vieler Fans hat.

Peter Cushing mit seinem stechenden Blick und den markanten Gesichtszügen strahlt als Van Helsing so viel Sicherheit und Autorität aus, dass man sich ihm einfach anvertrauen muss.
Er ist kein zerstreuter Professor, sondern ein kämpferischer und fest entschlossener Van Helsing.
Die Vampirinnen sind unheimlich. Sie sehen aus wie gewöhnliche Frauen, doch sobald sie sich unbeobachtet fühlen, reißen sie die Augen auf und gucken übelst hinterhältig und unheimlich drein.
Christopher Lee wirkt absolut wie der Wolf im Schafspelz. Er mimt keinen verweichlichten, romantischen Dracula (wie er leider in späteren Filmen oft dargestellt wird), sondern eine als zivilisierter Mensch getarnte wilde Bestie.
Er gibt sich relativ wortkarg und wenn er Blut wittert, bricht seine animalische Seite durch die geglättete Oberfläche. Mit seinen blutunterlaufenen Augäpfeln und dem zur Grimasse verzerrten Gesicht entweicht die (vorgetäuschte) Menschlichkeit aus seinen Zügen.

Terence Fishers "Dracula" ist trotz Farbenpracht und Spannung ein düsterer Film. Zu Recht ein Klassiker des Schauerfilms, der das Herz eines jeden Gruselfans vielleicht nicht im Sturm erobert, aber vielleicht zwei verdächtige Male am Hals zurücklässt. Dracula verwandelt seine Opfer schließlich auch nicht beim ersten Biss...




Foto: Blu Ray von Anolis (Hammer Collection)