Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 22. Oktober 2017

SPECIAL: DELIRIA ITALIANO FORUMTREFFEN IN MÜNCHEN















Forumtreffen von "Deliria Italiano"
13.-14. Oktober im Werkstattkino München

Die bayrische Landeshauptstadt präsentierte sich am vergangenen Wochenende von ihrer besten Seite. Das Wetter war mit knapp 20 Grad und Sonnenschein einladend und ideal für Stadtbesichtigungen oder Verweilen in den herbstlichen Parks.






Gezeigt wurden 4 Filme aus dem umfangreichen Werkstattkino Archiv sowie einige Trailer, die mich in großes Verzücken versetzt haben (u.a. zu "Über dem Jenseits", "Foltermühle der gefangenen Frauen", "Rückkehr der Zombies", "Keoma", "Der Antichrist", "Im Blutrausch des Satans").
Vor jedem Film gab es fachkundige und kurzweilige Einleitungsreden diverser Forenmitglieder, die interessante inhaltliche und stilistische Aspekte der gezeigten Werke beleuchteten und die Vorfreude auf den Film steigerten.
Die Preise, die es bei den beiden Verlosungen zu gewinnen gab, konnten sich wirklich sehen lassen:  Großzügige Spenden von Labels wie Colosseo, Koch Media, Cinestrange, FilmArt, Cineploit, CMV, Donaufilm und sogar ein Jahresabo für das 35mm Magazin.








Erster Film am Freitag:

DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL
Der Schauplatz dieses Giallos von Meisterregisseur Fernando Di Leo ist ein Sanatorium für psychisch erkrankte Frauen in einem fiktiven Ort namens Hohenschwandt. Hier geschehen neben den für das Genre obligatorischen Morden absonderliche Dinge. Die Kriminalgeschichte rückt zugunsten von Ärzten und Pflegepersonal, die sich zuweilen sogar merkwürdiger verhalten als die Patientinnen und anderer Exploitation Szenen etwas in den Hintergrund.
Beispiel gefällig? Dr. Bernd Keller (Klaus Kinski mit wirrer Frisur und Psycho-Haarsträhnen-Marotte) pflegt ein unprofessionelles Naheverhältnis zu seiner schönen Patientin Luise (Magaret Lee), der Klinikleiter Prof. Dorian schickt seine Tochter zu einer depressiven Patientin, damit sie diese durch erotische Annäherungen und Liebesspiele heilen (!) kann. Nymphomanin Anne (Genre Göttin Rosalba Neri) sorgt mit ihrem Auftreten und ihrer sexuellen Zügellosigkeit für (erotische) Spannung.
Einige aberwitzige Verhaltensweisen der ProtagonistInnen und die hanebüchne Enttarnung des Mörders und seines Motivs entschädigen am Ende für einige etwas zu lang geratene Nonsense Szenen. 


Zweiter Film am Freitag:

DER ÜBERRASCHUNGSFILM, DESSEN NAME NICHT VERRATEN WIRD
Diesen Film habe ich unlängst wieder mal in sehr guter Qualität (von XT Video veröffentlicht) gesehen, weshalb mir neben dem (verzeihbaren) leichten Rotstich einige Schnitte bzw. gekürzte Szenen aufgefallen sind.
Dennoch hat der Soundtrack ganz ordentlich die Bude gerockt und es war ein Erlebnis, dieses Werk des absolut abseitigen Geschmacks einmal im Kino zu sehen!
Erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Essen, das im Film eine wichtige Rolle spielt, hatte das Abendessen meines Sitznachbarn am Samstag. Leider ist er auf meinen Vorschlag, das Gulasch "stilecht" mit dem Löffel zu essen, nicht eingegangen.




Im Anschluss an dieses herrliche Programm wurde dann die Tradition der Deliria Kofferraum-Bier-Party gepflegt, bei der viel getratscht und gelacht wurde.


Erster Film am Samstag:

NEUN LEICHEN HAT DIE WOCHE
Bei dieser Rarität handelt es sich um eine Art Giallo Komödie mit zahlreichen grotesken Dialogen und aberwitzigen Figuren, die für einige Lacher (aber auch Schnarcher) im Publikum sorgte. Während die komödiantischen Elemente Geschmackssache sind und bei mir nicht so ganz zünden wollten, besticht dieses Werk Pupi Avatis durch ästhetische Beleuchtung und das konträr zur übertrieben lustigen Stimmung düstere Thema (ein Fluch, eine streitlustige Familie in einem Schloss und die mysteriöse Dezimierung der Anwesenden) sowie die stimmungsvollen Sets bzw. Drehorte.
Ganz den ungeschriebenen Genre Gesetzen folgend geht es um Neid, Habgier und  niedere Instinkte, die Menschen zu grausamen Taten treiben können. Der Titel des Films ist Programm, der Verursacher (oder die Verursacherin?) des raschen Dahinscheidens beinahe aller Anwesenden wird erst in den allerletzten Minuten demaskiert und wer sich dann noch über irgendetwas wundert, ist selbst schuld.
Mein persönlicher Sympathieträger dieses Films ist und bleibt das Pferd namens Flammpudding.


Zweiter Film am Samstag:

ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER
Dieser hochpolitische und gesellschaftskritische Film war für mich an diesem Wochenende (neben dem Überraschungsfilm) das Highlight.
Meine Befürchtungen, keinen Zugang zur Handlung zu finden, verpufften spätestens nach der ersten halbe Stunde der immerhin 115 Minuten Laufzeit. Ein erfolgreicher Bulle ermordet seine Geliebte. Seine Kollegen und Vorgesetzten weigern sich, gegen ihn zu ermitteln obwohl er absichtlich Spuren hinterlässt.
Florinda Bolkan brilliert als schöne, geheimnisvolle und verruchte Liebhaberin des egozentrischen Chef des Morddezernats (grandios: Gian Maria Volonté). Neben den verzweifelten Bemühungen des hochrangigen Beamten, seine Schuld zu beweisen, besteht der andere wesentliche Erzählstrang aus Rückblenden, die zeigen, wie sich Mörder und Opfer in (sexuellen) Rollenspielen verlieren und gegenseitige Provokation und Demütigungen dermaßen eskalieren, dass es nur zu einem schrecklichen Ende führen kann.
Mit hervorragender deutscher Synchronisation und in erstaunlich guter Bildqualität hat mich dieser Film fast vom Sessel gefegt. "Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger" habe ich nicht zum letzten Mal gesehen und es wäre nicht gerecht, dieses Meisterwerk lediglich in ein paar Zeilen abzuhandeln. Deshalb nehme ich mir vor, mich diesem Thema an anderer Stelle dann mal ausführlicher zu widmen...




FAZIT

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem wir beim Deliria Treffen in Wien erstmalig mit von der Partie (respektive Party) waren.
Das Schöne ist – trotzdem, dass die Delirianer eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft sind, wird auch "Neuen" nicht vermittelt, dass sie unerwünscht sind. Die Delirianer machen es jedem (der das möchte) leicht, sich in diesem geselligen Kreis wohl zu fühlen. Alles in allem präsentierten sich die Forumskollegen und -kolleginnen als ein manchmal etwas chaotischer (v.a. bei nächtlichen "Stadtwanderungen"), aber spaßiger und absolut sympathischer Haufen von (Italo-)Filmfans.


Großes Lob und DANKE an alle Organisatoren, Labels, Teilnehmenden und das Werkstattkino München!