Sonntag, 23. Juli 2017

ALLA RICERCA DEL PIACERE (1972)















HAUS DER TÖDLICHEN SÜNDEN
AMUCK (Alternativtitel)

Italien 1972
Regie: Silvio Amadio

DarstellerInnen: Farley Granger, Barbara Bouchet, Rosalba Neri, Umberto Raho, Peter Martinovitch, Nino Segurini, Patrizia Viotti, Dino Mele u.a.

Inhalt:
Die aus London stammende Greta Franklin zieht als Privatsekretärin in die Villa des Schriftstellers Richard Stuart. In Wirklichkeit geht es ihr nicht um den attraktiven Job in Venedig, sondern um die Suche nach ihrer verschwundenen Freundin Sally, die bis vor Kurzem ebenfalls Sekretärin im Hause Stuart war. Richard und seine Frau Eleanora verhalten sich von Anfang an so, als ob sie etwas vertuschen möchten. Leider glaubt der für den Vermissten-Fall zuständige Kommissar nicht an Gretas Hypothesen und Verdächtigungen. Deshalb muss die junge Frau ohne jegliche Unterstützung ermitteln...


Neri und Bouchet in einer der wenigen Stadt-Szenen


Nicht nur mit Waffe gefährlich: Eleanora (Neri)


"Haus der tödlichen Sünden" tanzt etwas abseits des großen Giallo Reigens. Wer die Vorzüge dieses Genres ausschließlich über Fetisch, Lederhandschuhe und Rasierklingen definiert, könnte sich bei diesem Film langweilen. Für alle anderen gilt es, eine feine italienische Thriller-Rarität zu entdecken.

In gewisser Weise können bei diesem Film handlungstechnisch Parallelen zu Mario Bavas Genre-Initialzündung "La ragazza che sapeva troppo" gezogen werden. Greta (Barbara Bouchet) ist wie die Protagonistin in Bavas Klassiker eine Frau, die einen Mord aufklären möchte, sich dabei der Gefahr ihres Vorhabens aber nicht immer völlig bewusst zu sein scheint.
Im Gegensatz zu den weitaus häufiger skizzierten Frauen-Stereotypen im Giallo, in denen die Darstellung der Frauen auf die Rolle des (potentiellen) Opfers oder der irren Täterin reduziert wird, betätigt sich Greta detektivisch. Dabei ist sie ganz auf sich allein gestellt und darf keinem Menschen trauen.
Dennoch ruft ihre "Ermittlungstaktik" etwas Kopfschütteln hervor.
Sie lässt sich mehrmals unter Drogen setzen, nimmt an den sexuellen Ausschweifungen im Haushalt des dekadenten Paars teil und zieht auch nicht von dannen, als auf sie geschossen wird.
Greta nistet sich in der Villa ein wie die Made im Speck, sammelt Informationen, beobachtet und wartet ab, was passiert.
Ihre Beharrlichkeit, mit der sie trotz der ihr entgegengebrachten subtilen und offenen Feindseligkeit im Stuart Haushalt verweilt, wirkt radikal, könnte in manchen Momenten aber auch negativ als "naiv" gedeutet werden.
Ähnlich wie bei Gregory Moore, der sich in "Malastrana" sehenden Auges in Lebensgefahr begibt, um das Verschwinden seiner Freundin aufzuklären, besteht auch bei Greta eine tiefere emotionale Bindung zu der vermissten Sally. Wie bei Gregory wird auch für sie die Suche nach der Wahrheit zu einer Obsession. Aktuelle Gefahren werden ausgeblendet oder sind nicht von Bedeutung.

Rosalba Neri ("Der Triebmörder") als Eleanora Stuart ist in diesem Film die absolute Wucht und stiehlt Frau Bouchet fast etwas die Show. Ihre Outfits, die größtenteils aus dem privaten Kleiderschrank der italienischen Diva entlehnt wurden, sind eine Augenweide.
Neris Mimik, die lüsternen Blicke, ihre aufreizende und zugleich Gefahr signalisierende Aura sind von beeindruckender Intensität. Sie hat das Aussehen einer Sphinx und lockt wie eine Sirene.
Daneben wirkt der routinierte Brite Farley Granger ("Cocktail für eine Leiche") als überheblicher Schriftsteller zwar in überzeugendem Maße distinguiert, aber beinahe etwas blass um die Nase.
Umberto Raho ("Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe") schleicht als zugeknöpfter und dubioser Butler durch die Gänge.
Peter Martinovitch ("Lady Frankenstein") spielt den Fischer, dessen körperliche Größe, Stärke und Potenz sich umgekehrt proportional zu seiner Intelligenz verhalten.

Dass die Hauptverdächtigen ein Schriftsteller und seine exzentrische Frau sind, bringt einen besonderen poetischen Bezug in den Film. Die Stuarts lassen sich allerlei durchtriebene, kreative Psycho-Spielchen einfallen, um der neugierigen Sekretärin das Spionieren zu vergällen. Damit wollen sie nebenbei die Überlegenheit ihres Intellekts demonstrieren.
Besonders interessant wird es, als der Autor beginnt, der schon etwas verstörten Greta eine Giallo Geschichte über einen Mord an einer Sekretärin auf Band zu sprechen.
Mit stilistisch blumigen Satzkonstruktionen und Redewendungen wie "Una solitudine senza nome" (ich schmelze bei diesen schönen italienischen Formulierungen dahin) erzählt er eine düstere Geschichte, die leider beängstigend real klingt.

"Haus der tödlichen Sünden" ist ein famoses Katz und Maus-Spiel, das sich hauptsächlich in einer stilvoll eingerichteten Villa irgendwo in der Lagune nahe Venedig abspielt. Die Stadt selbst kommt in einigen Szenen zwar vor, aber nicht auf eine prominente Art und Weise wie zum Beispiel in den klassischen Venedig-Gialli "The Child – Die Stadt wird zum Alptraum" oder "Anima Persa".

Die Giallo-Perle "Haus der tödlichen Sünden" war über Jahrzehnte nicht offiziell in ungekürzter Fassung erhältlich und wurde nun vom Label "Camera Obscura" endlich entsprechend gewürdigt.
Die aktuelle Veröffentlichung lässt qualitativ keine Wünsche offen. Es wurden auch keine Kosten und Mühen gescheut, den Sohn des Regisseurs und die großen Damen des italienischen Kinos aus der guten alten Zeit, Barbara Bouchet und Rosalba Neri, zu interviewen. Der Soundtrack, der in all seiner Düsternis eher an einen Gotik-Horrorfilm erinnert, ist sogar als Extra auf CD enthalten.
Für mich handelt es sich bei dieser "Camera Obscura" Blu Ray um eine der schönsten Veröffentlichungen des Jahres.




Foto: Die lohnenswerte Camera Obscura Blu Ray