Sonntag, 22. Juni 2014

LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH (1971)














DER KILLER VON WIEN
Italien, Spanien 1971
Regie: Sergio Martino
DarstellerInnen: Edwige Fenech, George Hilton, Conchita Airoldi, Ivan Rassimov, Alberto de Mendoza u.a.


Inhalt
Die schöne junge Julie Wardh und ihr Mann kommen nach Wien. Da Signore Wardh viele Termine hat und deshalb öfters außer Haus ist, vergnügt sich Julie in der Zwischenzeit mit ihren Freundinnen, besucht Parties und geht shoppen.
Der Frauenmörder, der gerade in der österreichischen Hauptstadt umgeht, macht ihr etwas Angst. Und auch ihr ehemaliger Geliebter Jean scheint Frau Wardh zu verfolgen.
Als Julies Freundin kaltblütig ermordet wird, scheinen sich ihre schlimmsten Befürchtungen in Bezug auf Jean zu bewahrheiten.
Doch auch ihr neuer Liebhaber George hat etwas zu verbergen. Julie gerät in ernsthafte Gefahr und muss nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihre geistige Gesundheit fürchten...


Schon wieder Rosen...


Julie lernt den Dandy George kennen


Der Regisseur Sergio Martino wird im Kreise der Eurocult-Fangemeinde ganz besonders für seine Gialli "Der Schwanz des Skorpions", "Der Killer von Wien", "Die Farben der Nacht", "Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave" und "Torso" geschätzt.
Der promovierte Geologe und Bruder des einflussreichen Filmproduzenten Luciano Martino ("Dania Film") entwickelte wohl schon in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Vorliebe zum klassischen Giallo.
Das Brüderpaar produzierte nämlich 1968 "Der schöne Körper der Deborah" und ein Jahr später Umberto Lenzis "Così dolce... così perversa". Beide Filme entstanden zeitlich vor Dario Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1970) und gaben bereits die später so populären und zahlreich verwendeten Giallo-Stereotypen, die gemeinhin Argento zugeordnet werden (Killer mit schwarzen Handschuhen etc.) vor.

"Der Killer von Wien" ist ein klassischer Giallo mit einem schwarz behandschuhten Rasiermesser-Killer, einer morbiden, geheimnisvollen und erotischen Atmosphäre sowie einigen originellen Plot-Twists.
Zugleich ist er auch einer der optisch ansprechendsten italienischen Thriller, was unter anderem mit der Rolle der atemberaubend schönen und distinguierten Signora Wardh (gespielt von einer der italienischen Leinwand-Göttinnen der Siebziger Jahre: Edwige Fenech) zu tun hat.
Die in Französisch-Algerien geborene Schauspielerin, auch bekannt für besonders freizügige Rollen, avancierte mit "Der Killer von Wien" zu einer beliebten und von Vielen begehrten italienischen Film-Diva.

Die zur Zeit der Dreharbeiten 23 Jahre alte Edwige Fenech verkörpert die charakterlich ambivalente Julie Wardh. Auf der einen Seite hat sie ihren um einige Jahre älteren Mann geheiratet, um ein konventionelles und finanziell gut abgesichertes Leben zu haben.
Auf der anderen Seite verfolgen sie ihre sündigen Laster ("lo strano vizio" - "die eigenartigen Laster") wie hartnäckige Gespenster der Vergangenheit.
Und das nicht nur in Form von Flashbacks. Sie finden nämlich ihre Personifizierung in der Figur des Jean (Ivan Rassimov), mit dem sie in früheren Zeiten die abgründigen Wege der sadomasochistischen Sexualpraktiken bewandert hatte.

Jean taucht immer wieder unvermittelt in ihrer Nähe auf und schickt ihr rote Rosen (- ist es wirklich er?) mit kurzen, teils poetisch anmutenden ominösen Botschaften wie "Das Schlimmste an dir ist das Beste, was du hast. Und es wird immer mir gehören." oder "Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave." ("Dein Laster ist ein verschlossener Raum und nur ich habe den Schlüssel dazu.") Der Text dieser Nachricht ist zugleich der Titel eines anderen Giallos von Sergio Martino.


Subtil bedrohlich - Jean


Ivan Rassimov beeindruckt nachhaltig durch seine unvergleichlich diabolische Leinwand-Präsenz. Sein Markenzeichen waren nicht nur seine unverkennbar rauen und kantigen Gesichtszüge, sondern auch sein stechender Blick und seine schlanke Silhouette
Er war der Parade-Bösewicht schlechthin. In "Der Killer von Wien" wirkt er nicht nur besessen und bedrohlich. Es gelingt ihm zugleich, jeder Begegnung mit Julie (ob in der Vergangenheit oder der Gegenwart) eine subtil erotische Komponente hinzuzufügen.
Ein faszinierender Charakter.

Der aus Uruguay stammende und bis in die frühen Siebzigerjahre vor allem aus Italowestern ("Django - Sein Gesangbuch war der Colt" oder "Das Gold von Sam Cooper") bekannte George Hilton heimst als Julies Party-Bekanntschaft und Neo-Liebhaber George eher wenig Sympathiepunkte ein. Der neureiche George hat einen Hang zur Dekadenz, zur Selbstverliebtheit und frönt dem Hedonismus.
Er fungiert gewissermaßen als das charakterliche Pendant zu Julies bodenständigem Ehemann und vielleicht gerade aus diesem Grund genau die Art von Ablenkung, die der einsamen Frau gut zu tun scheint.
Doch auch er kann Julie nicht helfen. Egal, ob sie in einem Parkhaus vom Rasiermesser-Killer attackiert wird oder im Spanien-Urlaub beinahe von einem Pfeil getroffen wird - George glänzt in Situationen der Not durch Abwesenheit.

Unsere Bundeshauptstadt mit ihrem berühmten morbiden Charme bietet sich natürlich als Schauplatz für einen düsteren Thriller an. Es ist etwas verwunderlich, dass nicht mehr Filme dieser Art in Wien gedreht wurden.
Die für "Der Killer von Wien" verwendeten Schauplätze, insbesondere das Palmenhaus und der Schlossgarten von Schönbrunn erscheinen als wahrlich prädestiniert für Mordschauplätze.

Die Handlung ist etwas verschachtelt, die Quintessenz des Dramas um die lasterhafte Signora Wardh besteht allerdings im zunehmenden Verfall der psychischen Stabilität der gepeinigten Frau.
Das Reizvolle an der Geschichte ist, dass sämtliche männlichen Hauptcharaktere (der Rasiermesserkiller, der Ehemann, der ehemalige Bettgefährte Jean und der aktuelle Liebhaber George) so angelegt sind, dass sie die Paranoia von Julie (und der ZuschauerInnen) zusätzlich schüren.
Sie entwickelt sich zusehends von einer selbstbewussten Frau zu einem gejagten und gehetzten Opfer, dem es nicht dauerhaft gelingen will, der allgegenwärtigen Bedrohung, die keine klare Form zu haben scheint, zu entfliehen.

Einzelne Sequenzen aus ihrer (offenbar bewegten) Vergangenheit, die sich stetig in Julies Bewusstsein drängen, erscheinen als traumartig-verzerrte Rückblenden und sind visuell perfektionistische Bildkompositionen. Häufig geht es darin um Begierde und mit Gewalt verknüpfte Sexualität.
Besonders die Regen-Szene zwischen Fenech und Rassimov und die Szene mit den Glasscherben sind dazu geschaffen, sich tief im visuellen Erinnerungsvermögen zu verankern.
Die psychologische Dimension des Films und die Ästhetik der Bilder werden unterstrichen und verstärkt durch den mal psychedelischen, mal intensiv melancholischen Soundtrack aus der Feder von Nora Orlandi.

Das Label "FilmArt" hat den "Killer von Wien" unlängst in seiner lobenswerten Giallo-Kollektion neu veröffentlicht (die DVD von "Koch Media" ist schon seit einiger Zeit "out of print" und erzielte Sammlerpreise).
Für alle Giallo-affinen FilmliebhaberInnen ist der Kauf natürlich ein Muss.
Doch auch für "Genre-Neulinge" dürfte sich ein Blick auf diesen wunderbaren Film lohnen.






Foto: VÖ von No Shame, Koch Media und FilmArt




Foto: Soundtrack