Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 14. Januar 2018

VERTIGE (2009)















HIGH LANE – SCHAU NICHT NACH UNTEN!
Frankreich 2009

Regie: Abel Ferry, Fanny Valette, Johan Libéreau, Raphaël Lenglet, Nicolas Giraud, Maud Wyler, Justin Blanckaert u.a.


Inhalt:
Chloé, Guillaume, Karine und Fred kennen sich schon seit Schulzeiten. Chloé ist heute mit Loïc zusammen, der die Gruppe auf ihren Wanderausflug nach Kroatien begleitet und ganz und gar nicht erfreut ist, dass Chloés attraktiver Exfreund Guillaume sich kurzfristig dazugesellt hat. Der Klettersteig ist zwar gesperrt, aber der sportliche und bergerfahrene Fred bahnt der Gruppe mit seinem Free Climbing einen Weg. Doch diese anfängliche Hürde entpuppt sich noch als das geringste Problem...


Ein gefährliches Unterfangen


Die ersten Verletzungen


Irgendwie kommt mir der Beginn dieser blutrünstigen und actiongeladenen Abenteuergeschichte so merkwürdig vertraut vor. Ich stehe irgendwo im Wald und höre Sätze wie "Ach komm, der Weg ist doch Kindergarten." oder "Das geht schon. Diese Absperrung ist doch nur für unsportliche Touristen da..."
Gnadenlose physische und psychische Selbstüberschätzung und das Ignorieren von Absperrungen oder Warnhinweisen sind in den Bergen alles andere als ein Kavaliersdelikt.
Jeder realistisch denkende Mensch, der sich "High Lane" ansieht, weiß - allein schon das Verhalten, das die Freunde an den Tag legen, birgt genug Potential für tödliche Gefahr.
Doch gerade als unsere ProtagonistInnen glauben, das Schlimmste überwunden zu haben, schlägt der unheimliche Waldbewohner erbarmungslos zu.

Das Backwoodfilm-Genre, in dem zumeist eine Gruppe von FreundInnen in einer feindlichen Natur auf eine bösartige Hinterwäldler Familie trifft, schürt gekonnt Ängste und spielt meisterlich mit Rollenstereotypen und überfrachteten Klischees.
Übertreibung ist in diesem Nischenbereich des Horrorfilms ein wichtiges Element, aber auch eine Kunst. Nur ein Karohemd zu viel, nur zwei Kettensägen und ein paar Liter Kunstblut an der falschen Stelle und schon mutiert ein Backwood Film zu einem uninspirierten "The Texas Chainsaw Massacre" - Abklatsch.
Die Spannung kann ganz schnell verloren gehen, wenn man als ZuseherIn die Orientierung verliert. Wenn die Hauptcharaktere so unsympathisch sind, dass man sogar ein rasches und grausames Ende herbeiphantasiert, dann hat der Regisseur eindeutig etwas falsch gemacht.

"High Lane" ist nicht unbedingt eine Perle des Genres, aber er macht ein paar ganz entscheidende Dinge richtig. Er kopiert nicht nur Altbekanntes, sondern zeigt trotz geringem Budget wahrhaft atemberaubende Aufnahmen der rauen Natur und Bergwelt. Auf der Suche nach einem Adrenalinkick klettern die jungen Leute an einer Felswand entlang und gehen über eine marode Hängebrücke, die sich in schwindelerregender Höhe inmitten einer Schlucht befindet.
Den DarstellerInnen wurde dabei Einiges abverlangt, denn die Dreharbeiten fanden ausschließlich an Originalschauplätzen statt und es gab keine Stunt-Doubles.

Die Kamera, teils an einem Kran oder wilden Konstruktionen Marke Eigenbau befestigt, begleitet die Gruppe und zeigt die teils subjektiven Perspektiven (z.B. Blick nach unten, Höhenschwindel durch Unschärfen und Zooms). Allein dieser rasante Einstieg in die Erzählung bereitet wahres Vergnügen.
Die Dreiecks-Konstellation zwischen Chloé, ihrem aktuellen Freund Loïc, der Angst hat, aber ihr unbedingt imponieren will und dem coolen Guillaume, der immer noch um die Gunst seiner attraktiven Exfreundin wirbt, ist auf unterhaltsame Weise in die Geschichte eingesponnen.

Doch die Spannung bezieht "High Lane" in der ersten Hälfte keineswegs nur aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Auch wenn die Begegnung mit unserem degenerierten Bösewicht erst zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet, ist die erste Hälfte der Laufzeit schon nervenaufreibend inszeniert.
Alles, was dann im letzten Drittel unweigerlich folgt, ist für den/die Genre-ConnaisseurIn keine Überraschung, aber das Gesamtkonzept wirkt stimmig.
Wenn ich mir einen Vergleich erlauben darf - "High Lane" ist vielleicht keine hochpreisige Limousine, aber ein solider Mittelklassewagen, mit dem man gerne in den Urlaub (in die Berge) fährt. Jedenfalls wenn man gerne Auto fährt. Ihr wisst schon, was ich meine.




Foto: Blu Ray von Koch Media



Donnerstag, 28. Dezember 2017

SPECIAL: UNTERWEGS MIT FRANK WYLER - STOSS DAS TOR ZU BRIXEN AUF

Joe D'Amato hat anno 1979 im beschaulichen Südtirol einen Film gedreht, der die Gemüter spaltet. Manche schätzen ihn, manche verdammen ihn und es soll sogar Menschen geben, die sich wünschen, ihn nie gesehen zu haben.
Es geht um die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Frank Wyler und seiner Verlobten Anna Völkl. Eine große Liebe, die sogar über den Tod hinaus geht...
Mehr über den Film hier.

Im Spätsommer 2017 machten wir uns auf den Weg zu den Drehorten dieses Exploitation Klassikers.
Wir hatten dabei interessante Begegnungen mit Einheimischen - Menschen und Tieren.
Ähnlich wie das Werk selbst ist jedoch nicht alles davon für die breite Öffentlichkeit bestimmt und über so manches Erlebnis breiten wir lieber den Mantel des Schweigens und lassen einfach mal die Bilder für sich sprechen...

Linksbündig wie immer die Screenshots, zentriert unsere Fotos.


Das Krankenhaus, in dem Anna liegt...
















... wurde zwar zum Teil abgerissen, aber dieser alte Trakt ist erhalten


Rückansicht vom Sanatorium


Anno 1979
















2017

















Dieser Teil des Brixener Friedhofs...
















... wurde offenbar renoviert. Nun sieht man die Umgebung besser


Kapelle mit markantem Kreuz im Vordergrund
















Das selbe Motiv heute



















Diese Szenen wurden im Zentrum gefilmt
















Heute ist hier Fußgängerzone


Rechterhand ist die Architektur...
















... auch heute noch unverkennbar


Die Tür, vor der Frank steht...
















... gibt es noch


Etwas ordentlicher war es damals schon
















Heute ist die Stelle etwas verwildert


Frank verfolgt die Joggerin auf einer Bergstraße
















Wir verfolgen ebenfalls eine Joggerin auf derselben Straße


Rechts die Kirche im Hintergrund, links ein Gehöft
















Hier ist die Zeit stehen geblieben


Schöne Aussicht...
















... ins Tal



















Frank joggt am Fluß Eisack entlang
















Ja, der Fluß heißt wirklich so. Wir waren auch da.
















































Sonntag, 17. Dezember 2017

I QUATTRO DELL'APOCALISSE (1975)















VERDAMMT ZU LEBEN - VERDAMMT ZU STERBEN

Italien 1975
Regie: Lucio Fulci

DarstellerInnen: Fabio Testi, Lynne Frederick, Michael J. Pollard, Harry Baird, Tomas Milian, Adolfo Lastretti, Bruno Corazzari, Donal(d) O' Brien u.a.

Inhalt:
Der Spieler und Betrüger Stubby Preston, die schwangere Prostituierte Emanuelle "Bunny" O'Neill, der Alkoholiker Clem und der Schizophrene Bud lernen sich im Gefängnis von Salt Flat kennen und entkommen durch ihren Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen einer "Selbsthilfeaktion", bei der alle EinwohnerInnen der Stadt mit Hang zur Delinquenz von einem vermummten Mob gelyncht werden. Mit einer Kutsche zieht das Quartett von dannen und begibt sich auf die Suche nach einer neuen Heimat. Alles könnte sich noch zum Guten wenden, wäre da nicht die schicksalhafte Begegnung mit dem bösartigen Chaco, die das Leben dieser vier Menschen nachhaltig beeinflussen  wird...


Der Beginn einer Reise...


Chaco (Milian) stellt sich vor


Innerhalb des Italowestern Kanons gibt es zwei wesentliche Arten der Erzählung, die mir persönlich besonders interessant erscheinen. In der einen Kategorie von Genre Produktionen geht es um einen (namenlosen) Antihelden, dessen handlungsleitendes Motiv in der Vergangenheit liegt (ein Ereignis, das quasi schon passiert ist zu dem Zeitpunkt als der Film beginnt). Es geht unter anderem um die späte Rache eines traumatisierten Kindes (siehe "Leichen pflastern seinen Weg" oder "Von Mann zu Mann") oder den Vergeltungsdrang eines Mannes, dem auf irgendeine Weise großes Unrecht widerfahren ist (wie z.B. in "Satan der Rache" oder "Töte, Django").
Ebenfalls sehr reizvoll ist die Kategorie von Geschichten, die eine Art persönliche Transformation des Protagonisten, die durch äußere Umstände und Erfahrungen, die er im Umgang mit anderen Menschen macht, in Gang gesetzt wird und die man On Screen mitverfolgt. Hierzu zählt auch "Verdammt zu leben - verdammt zu sterben."
Dieser Film kratzt zwar im Vergleich zu detailliert dargestellten Charakter-Entwicklungen wie man sie bei Sergio Sollimas großartigem "Von Angesicht zu Angesicht" oder einem "Der Tod ritt Dienstags" beobachten kann, etwas stärker an der Oberfläche.
Dennoch gelingt es Fulci, Stubby (Fabio Testi) zu einem Sympathieträger zu machen, der vom Falschspieler zum verantwortungsbewussten Mann und schließlich zu einem einsamen und traurigen Rächer wird, der sich durch einen (ebenso sinnlosen) verzweifelten Akt der Gewalt von der leidvollen Vergangenheit zu lösen versucht. Ein Antiheld, wie er im Buche steht.

Fabio Testi, der seine Filmkarriere als Stuntman begann, wird ja landläufig gerne unterstellt, dass er mehr "Schönling" als ernstzunehmender Schauspieler ist. In "Verdammt zu leben - verdammt zu sterben" stellt er jedoch wie bereits an der Seite von Romy Schneider in Zulawskis Drama "Nachtblende" oder neben Franco Nero in "Die Rache der Camorra" zum wiederholten Male unter Beweis, dass er mehr zu bieten hat als ein adrettes Erscheinungsbild.

Die odysseehafte Reise von Stubby, Bunny, Clem und Bud führt durch vertrocknetes, ödes Land, Staub, Dreck, in ein verlassenes Dorf und die karge schneebedeckte Stadt Altarville.
Das gemeinsame Schicksal schweißt die ungleichen Charaktere, die sich ohne die dramatischen Ereignisse in jener Nacht wohl nie kennen gelernt hätten, zusammen.
Das zufällige Zusammentreffen mit einer Gruppe von Pilgern scheint eine weitere Annäherung zwischen der inhomogenen Gruppe und im Besonderen zwischen Bunny und Stubby in Gang zu setzen, die durch das Auftauchen von Chaco (Tomas Milian) hart auf die Probe gestellt wird.
Chaco ist ein manipulativer, sadistischer und skrupelloser Outlaw. Begegnungen mit ihm entwickeln sich zum schlimmsten Alptraum. Gesetzt den Fall, dass man sie überhaupt überlebt.
Da Fulci für "Verdammt zu leben - verdammt zu sterben" durch die Bank hervorragende SchauspielerInnen besetzte, stehen weniger die plakativen Gewaltszenen an sich im Vordergrund, sondern mehr die Reaktionen der Protagonisten auf die mit unvorstellbarer Grausamkeit verübten Taten Chacos.

Was ich an diesem Italowestern besonders schätze, ist die bewegende Geschichte über die Sonnen- und Schattenseiten der Gesellschaft. Das Auf und Ab der Emotionen. Einerseits fesselt mich diese düstere und desperate Stimmung, das Verstörende und Unheimliche, die Hoffnungslosigkeit und Ziellosigkeit. Der Tod ist ein ständiger Begleiter der Vier.
Andererseits gibt es trotz Dunkelheit Lichtblicke. Ein optimistischer Blick in die Zukunft, die herzerweichenden Gesten von Güte und Menschlichkeit an Orten, wo sie niemand erwarten würde. Zeichen von Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Solidarität.

Der etwas unkonventionelle Psychedelic Rock Soundtrack verfügt zwar nicht über die Grandiosität und den Wiedererkennungswert eines Morricone, Bacalov oder Ortolani Western Themas, aber passt zur Entstehungszeit und lockert die Dramatik und den nicht zu verleugnenden Hang zum Pathos der Geschichte angenehm auf.
"Verdammt zu leben..." gehört trotz manch kleiner Schwächen zu meinen favorisierten Italowestern, ist definitiv einer meiner  Lieblings-Fulcis und wird deshalb in regelmäßigen Abständen im "Schattenlichter-Heimkino" aufgeführt.




Foto: X Rated Hartbox und Mediabook 




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema):



Sonntag, 19. November 2017

I TRE VOLTI DELLA PAURA (1963)















DIE DREI GESICHTER DER FURCHT
DER RING DER VERDAMMTEN (österreichischer Kinotitel)
Frankreich, Italien 1963

Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Boris Karloff, Mark Damon, Michèle Mercier, Glauco Onorato, Gustavo de Nardo, Rika Dialyna, Lidia Alfonsi, Jacqueline Pierreux u.a.

Inhalt:
Horror-Ikone Boris Karloff berichtet von gruseligen Begebenheiten und stimmt uns mit finsteren Prophezeiungen und Warnungen auf die folgenden drei Episoden ein, in denen es um geisteskranke ehemalige Liebhaber mit Mordabsichten, vampirähnliche Wesen im winterlichen Russland und Heimsuchungen durch Verstorbene geht...


Boris Karloff stimmt uns auf das Folgende ein...


Wenn sich der Herbst dem Winter entgegen neigt, die Tage dunkler, kälter und regnerischer werden, wenn die Bäume ihre farbenprächtigen Blätter abgeworfen haben und ihre kahlen Äste wie skelettierte Finger dem grauen Himmel entgegen recken, dann ist Zeit für "Die drei Gesichter der Furcht".

Über zehn Jahre ist es her, dass ich dieses zeitlose cineastische Kunstwerk, das damals zum Glück von Anolis veröffentlicht wurde, gesehen habe. Eigenartigerweise kann ich mich noch wie heute an diesen Winterabend erinnern, an dem ich ob der Bildsprache Bavas in einen tranceähnlichen Zustand zwischen Euphorie und ehrfüchtigem Staunen versetzt wurde.
Im Nachhinein betrachtet war dieses Erlebnis so etwas wie ein Intitationsritus und entflammte endgültig meine Liebe zum italienischen Genrekino der Sechziger und Siebziger Jahre.

Ein aschfahler Boris Karloff stimmt uns mit durchdringendem Blick und eindrücklichen Warnungen umrahmt von einem expressiven Farbspiel in bester Lagerfeuergeschichten-Manier auf die folgenden drei Beiträge ein, deren Intensität und Schauerlichkeit sich von Episode zu Episode kontinuierlich steigern.



Michèle Mercier am roten Telefon



Episode 1 – DAS TELEFON
Eine Frau erfährt aus der Zeitung, dass ihr geisteskranker und gemeingefährlicher ehemaliger Liebhaber aus dem Zuchthaus ausgebrochen ist. Kurz darauf beginnt er sie über das Telefon zu terrorisieren und behauptet, sie zu beobachten und sogar schneller bei ihr sein zu können als die Polizei...


Schon die ersten Sekunden dieses Kurz-Giallos sind sagenhaft kunstvoll inszeniert. Wir sehen eine leere Wohnung, die nur spärlich beleuchtet ist. Die Kamera fährt langsam durch den Raum. Das schrille Läuten eines roten Telefons (das später in "Blutige Seide" wieder auftaucht) dringt unangenehm ins Ohr und geht in einen etwas erträglicheren Nachhall über, auf den dann wieder erbarmungslos der nächste alles durchdringende Ton folgt.
Als Kind, das noch in einem Haushalt mit Wählscheibentelefon aufgewachsen ist, denke ich mir so im Nachhinein betrachtet "Eigentlich kein Wunder, dass alle immer gleich gerannt sind, wenn das Telefon gebimmelt hat."
Das enervierende Klingeln wird abgelöst vom monotonen Ticken einer Uhr, das eine nur kurze Entspannung suggeriert, bevor ganz plötzlich lautstark die Tür geöffnet wird.
Durch diese paar Sekunden wird bereits die angespannte Atmosphäre der gesamten Episode vorweggenommen, in der die schöne Michèle Mercier ("Friedhof ohne Kreuze") durch Telefonterror und Drohungen beinahe in den Wahnsinn getrieben wird.
Die erste der drei Erzählungen, die häufig als die schwächste der drei eingestuft wird, bietet natürlich nicht die inszenatorische Qualität eines im selben Jahr entstandenen "La ragazza che sapeva troppo" oder anderer Gialli Mario Bavas. Im Grunde genommen ist es auch vermessen, überhaupt einen Vergleich anzustreben, da "Das Telefon" ein auf 23 Minuten komprimiertes psychologisches Kammerspiel in bester Thriller Tradition mit wundervollen Beleuchtungseffekten ist.
Eine verheissungs- und effektvolle Einstimmung auf



Das unheimliche Familienoberhaupt (Karloff)



Episode 2 – DER WURDELAK
Ein nobler junger Mann reitet durch das winterliche Russland. Inmitten der Ödnis entdeckt er eine kopflose Leiche und kommt kurze Zeit später bei einer verängstigten Familie unter, die ihm etwas von Wurdelaks erzählt, die der Legende nach ihren Liebsten das Blut aussaugen. Bei dieser Gelegenheit macht er Bekanntschaft mit dem alten Vater der Familie, der sich äußerst merkwürdig verhält...


Das dumpfe unheilvolle Trompetenspiel, mit der die zweite Episode beginnt, lässt schon erahnen, auf welch düstere Handlung man sich nun einlassen wird.
Die letzten Sonnenstrahlen am Firmament werden von der Last der dichten blaugrauen Wolken, die am Abendhimmel erscheinen, eingekesselt und erdrückt. Vladimir (Mark Damon) macht in der Dämmerung einen grauenvollen Fund. Es handelt sich um eine Leiche mit abgetrenntem Kopf, in deren Rücken ein Dolch steckt. Dies ist nur der erste Vorbote allen Grauens, das da noch kommen wird. Die folgenden Szenen sind in eisigen bläulichen Nebel gehüllt, es gibt kein Sonnenlicht mehr zu sehen und auch keinen Hoffnungsschimmer für die Familie, bei der Vladimir Unterschlupf findet.

"Der Wurdelak" ist von einer solch formvollendeten Morbidität durchzogen, dass alle mir geläufigen Superlative für die Beschreibung dieser ästhetischen Bildsprache als nicht ausreichend erscheinen. Die kahlen Bäume, dekorativ beleuchtete Spinnweben, der bläulich waberende Nebel, die farbenprächtig illuminierten Ruinen, die Gestalt des Großvaters (Boris Karloff) an der Fensterscheibe (Vorbote der Szene mit Melissa in "Die toten Augen des Dr. Dracula") - es gibt so viele Szenenbilder, die ich am liebsten einfrieren und mir direkt an die Wand hängen möchte!

Boris Karloff als furchterregender Familientyrann Gorgo, der nach der Wurdelak Jagd unverhofft wieder bei seinen Liebsten auftaucht, guckt absolut finster aus der Kapuze und trägt ganz wesentlich zu der grimmigen Stimmung dieser Episode bei.
Glauco Onorato, der neben einigen Auf(t)ritten in Italowestern auch in "Racket" eine starke Rolle spielte, mimt seine Rolle ebenso intensiv wie die schöne Griechin Rika Dialyna als Maria. Susy Andersen (als Sdenka) sieht trotz ihres auffallend wuchtigen Kiefers irgendwie sehr attraktiv und geheimnisvoll aus.
Und ehe man sich aus den Fängen dieses dramatischen und finsteren Blutsauger Nachtmahrs befreit hat, findet man sich in der stürmischen regnerischen Nacht der nächsten Episode wieder...



Helen (Pierreux) hat nur Augen für den Ring



Episode 3 – DER WASSERTROPFEN
Eine Krankenschwester wird mitten in der Nacht in einen Haushalt gerufen, wo eine ältere Dame während einer Séance verstorben ist. Sie soll der Dahingeschiedenen das Totenkleid anziehen, klaut den Ring der Dame und wird alsbald nicht nur von mysteriösen Wassertropfen-Klängen heimgesucht...


Als Geräuschkulisse zur Einstimmung auf die verstörende Beschaffenheit der letzten Geschichte dient die verzerrt und dissonant wirkende Musik, die aus dem Grammophon der Krankenschwester Helen (perfekt unsympathisch gespielt von Jacqueline Pierreux) erklingt. Wie in der ersten Episode ist es wieder das Telefon, das Unheil und Verderben ankündigt. Helen erhält einen Anruf von einer verzweifelten älteren Haushälterin, die zu verängstigt ist, ihrer bei einer spiritistischen Sitzung verstorbenen Herrin das Totenhemd selbst anzuziehen.

Die gute Helen, die auf Pietät und Respekt vor den Toten keinen allzu großen Wert legt, übernimmt den nächtlichen Auftrag zunächst widerwillig und gibt die Routinierte. Doch beim Anblick der toten Frau muss sogar sie kurz durchatmen und sich am Bettpfosten festhalten...
Die Dame des Hauses hat ein schrecklich verzerrtes Gesicht, das wie im Moment großen Schocks eingefroren zu sein scheint. Die Augen der Leiche sind weit aufgerissen, der Mund offen, die Haut bereits wächsern. Die Totenstarre hat schon eingesetzt.
Dieser sehr unheimliche Anblick wird vom verstörend anmutenden Interieur der Wohnung ergänzt.
Es ist sehr dunkel, die Raumhöhe und Türen lassen die Haushälterin und die herbeigerufene Krankenschwester wie kleine verlorene Kinder wirken. Über den heruntergekommenen Teppichboden laufen scheinbar rastlos irgendwelche Katzen, auf den antiken Möbeln und in den Schubladen befinden sich Unmengen an Puppen (womit wieder Erinnerungen an "Die toten Augen des Dr. Dracula" geweckt werden).

Für die ruppige Krankenschwester, die der Toten den Ring vom Finger stiehlt, ist es der Beginn einer dämonischen Heimsuchung, von der der titelgebende mysteriöse Wassertropfen, der sie bis in ihre eigenen Vier Wände begleitet, noch der harmloseste Part ist.
Mit nur wenigen Minuten Laufzeit und mit spärlich aber pointiert platzierten Effekten erschuf Mario Bava eine hochgradig atmosphärische und gehaltvolle rabenschwarze Schauergeschichte, die in der Erinnerung kleben bleibt wie die Spinnweben am Kellerfenster...




Darüber, ob Bava, hätte er die Möglichkeit gehabt, einen Director's Cut seines favorisierten Werks zu erstellen, das humoristische und demaskierende Ende mit Karloff weggelassen hätte, kann nur spekuliert werden. Es bleibt fraglich, ob dieses Finale, das den Änderungswünschen der co-produzierenden AIP entsprach, in die endgültige Fassung Eingang gefunden hätte oder nicht.
Ist man mit den Filmen Bavas vertraut, freut man sich über einige Déjà-vus, da der italienische Genre Regisseur einige Motive aus "Drei Gesichter der Furcht" in seinen späteren Werken nochmals aufgegriffen hat.
Doch kann man sich ebenso für den Film begeistern wie wenn man (so wie ich damals, vor über einem Jahrzehnt) ganz unbedarft an dieses Werk herantritt und sich einspinnen lässt in das mentale Netz der stimmungsvollen Schauerromantik und der Magie der düsteren Fotografie.




Foto: DVD aus der Mario Bava Box von Anchor Bay, Anolis DVD und Arrow Blu Ray





Foto: Wunderschöne BluRay VÖ von Koch Media






Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema):