Sonntag, 4. September 2016

LA NOTTE CHE EVELYN USCI' DALLA TOMBA (1971)














DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN
STUMME SCHREIE (Videotitel)
DIE NACHT IN DER EVELYN AUS DEM GRAB KAM (Alternativtitel)

Italien 1971
Regie: Emilio Miraglia
DarstellerInnen: Anthony Steffen, Marina Malfatti, Erika Blanc, Giacomo Rossi Stewart, Enzo Tarascio, Umberto Raho, Roberto Maldera, Joan C. Davies u.a.


Inhalt:
Lord Alan Cunningham wurde einst von seiner Frau Evelyn betrogen und hat dadurch einen schweren psychischen Schaden davongetragen. Seit dem Tod seiner Gattin hat er den Drang, rothaarige Frauen (wie Evelyn) in seinem privaten Folterkeller zu killen. Sein Schwager weiß es und lässt sich für sein Schweigen bezahlen. Als Alan sich eines Tages in die blonde Gladys verliebt und sie von einem Tag auf den anderen ehelicht, meint er, sich von seiner Mordlust lösen zu können. Doch kurz nach dem Einzug seiner neuen Frau in seine Luxusvilla häufen sich merkwürdige Ereignisse und der Geist Evelyns scheint umzugehen...


Alans Anfallsleiden: Ich sehe was, was du bald auch siehst... 


Erika Blanc geizte nicht mit ihren Reizen


Das Entstehungsjahr von "Die Grotte der vergessenen Leichen" (1971) fällt genau in die Blütezeit des Giallogenres. Seitdem im Jahr zuvor Dario Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" absolut den Nerv seines Publikums getroffen hatte und das Zeitalter dieses neuen Genres einläutete, wurden in Bella Italia düstere und blutrünstige Krimis am Fließband gedreht. Viele Regisseure versuchten ihr Glück mit der erfolgversprechenden Filmgattung.
So auch "Neuling" Emilio Miraglia.
Mit Anthony Steffen als psychopathischem Frauenmörder Lord Cunningham engagierte Miraglia einen routinierten Antihelden-Darsteller, der bisher durch seine Rollen in Italowestern von sich Reden gemacht hatte.
Der große schlaksige Mann mit der etwas steifen Mimik gibt sich redlich Mühe, seine Rolle unter vollem Körpereinsatz ernsthaft zu repräsentieren und liefert dabei eine amüsante Show ab.


Nominiert für den Vincent Price Orden


Für seine Anstrengungen, den Verrückten zu mimen, verleihe ich ihm heute gedanklich für sein Over-Acting den Vincent Price Orden. Wie er seinen Kopf herumwirft, im Besessenen-Stil die Augen verdreht und wie ein Hyperaktiver von einer Szene zur nächsten wetzt, hat einen enormen Unterhaltungswert.
Ebenso schnell wie er sich bewegt, wechseln zum Teil auch seine Gemütsregungen. Von Liebe und Freude zu Aggression und wieder zurück. Zuerst küsst er (s)eine Frau, kurz darauf würgt er sie, dann kriecht er fast reumütig vor ihr.
Der allgemeine Hang zur Schnelligkeit liegt bei den Cunninghams in der Familie. Wenn man Alans Tante Agathe (Joan C. Davies) in ihrem Turbo-Rollstuhl durch die Gegend flitzen sieht, fragt man sich, wie lange das noch gut geht.
Cousin George (Charaktergesicht Enzo Tarascio, "Der Todesengel") wechselt seine Outfits und Frauen schneller als es manch anderes Drehbuch erlauben würde.
Und natürlich verhalten sich alle ProtagonistInnen ziiiiemlich verdächtig.
Im Raum steht die Frage, ob und vor allem wer Alan Cunningham nach seiner Beinahe-Genesung wieder in den Wahnsinn treiben will, um sich das üppige Erbe unter den Nagel zu reißen.
Der arme, gestörte Mann, der ja nur in so einer miserablen geistigen Verfassung ist, weil seine Evelyn ihn einst betrogen hat, wird vom Opfer zum Täter und schließlich wieder zum Opfer einer Verschwörung. Ist doch ganz logisch.
Ebenso logisch ist, dass der gute Lord nicht mehr ganz bei Trost ist. Evelyn, diese miese "puttana", hat sich nackt mit ihrem ebenfalls unbekleidetem Liebhaber im Garten getroffen und Alan musste es mitansehen! Und das auch noch in Zeitlupe! Das Publikum des Films ebenfalls. Mit den ständigen Wiederholungen dieser Szene, werden wir in das innere Erleben von Lord Cunningham eingebunden.
Wem die Geschichte eigenartig vorkommt – sie ist es. Das Drehbuch hinkt, es hakt an allen Ecken und Kanten und die "Auflösung" ist nett formuliert "mutig".

Dafür funktionieren die exploitativen und gotisch-düsteren Elemente des Films wunderbar.
Giacomo Rossi Stewart (Psychiater mit unprofessionellem Naheverhältnis zu Patient Alan) und Erika Blanc ("Liebe und Tod im Garten der Götter") als rothaarige Stripperin Susie spielten bereits in Mario Bavas atmosphärischem Gotik-Grusler "Die toten Augen des Dr. Dracula" Seite an Seite.
Manche Szenen im Folterkeller erinnern beleuchtungstechnisch an die Werke Bavas. Nebelschwaden, unheimliche Gruft-Szenen und eine gespenstische Atmosphäre lassen eine kreative Annäherung zwischen Gruselfilm und Giallo entstehen.
Überhaupt frage ich mich, wie viel Mario Bava in "Die Grotte der vergessenen Leichen" steckt. Wenn Steffen mit relativ ausdrucksloser Mimik im schwarzen Mantel schöne Frauen im Keller auspeitscht, muss ich unweigerlich an Christopher Lees harte Gesichtszüge in "Der Dämon und die Jungfrau" denken, der in ähnlichem schwarzen Outfit seine ehemalige Geliebte auspeitscht.
Ob es beabsichtigte Hommage oder schlichtweg Kopie oder Zufall war... man weiß es nicht genau.

Mehr als deutlich wird "Die Grotte der vergessenen Leichen" dafür beim Thema Sex. Der Film strotzt für seine Entstehungszeit geradezu vor Erotik, Nacktheit und Fetisch-Elementen, was wohl zu einem kommerziellen Erfolg verhelfen sollte.
Erika Blanc gibt auf der Arrow Blu Ray in einem Interview vor, nie ein Problem mit Nacktheit in Filmen gehabt zu haben. Eher im Gegenteil. Sie freute sich, dass sie sich präsentieren konnte, wie Gott sie schuf und scheint heute noch von ihren leicht bekleideten Auftritten zu zehren.
Die Szene, in der sie sich mit Overknee Stiefeln lasziv aus einem Sarg schlängelt und einen nicht allzu graziösen Striptanz vorführt, hat sie sich nach eigener Aussage selbst ausgedacht.
Vielleicht ist ja auch so das Drehbuch entstanden – jeder Darsteller dachte sich etwas aus und es wurde irgendwie in den Film eingebaut. Das würde Einiges erklären...

"Die Grotte der vergessenen Leichen" erfreut Italofans mit altbekannten Genre Stereotypen aus Giallo und Horror sowie exquisit ausgesuchten DarstellerInnen und verzückt dem Exploitationkino zugewandte Cineasten durch ein originelles Drehbuch und eine Extra-Portion Schmierigkeit.
Sehe ich mir immer gerne mal an.




Foto: X-Rated Erstauflage und zweite Auflage, No Shame USA VÖ




Foto: Arrow - Killer Dames Blu Ray Box



Sonntag, 21. August 2016

LA NOCHE DE LOS MIL GATOS (1972)














DIE RACHE DER 1000 KATZEN
Mexiko 1972
Regie: René Cardona Jr.
DarstellerInnen: Anjanette Comer, Zulma Faiad, Hugo Stiglitz, Christa Linder, Tere Velásquez, Barbara Angely, Gerardo Zepeda u.a.


Inhalt:
Hugo ist ein versnobter exzentrischer Nachfahre reicher, doch geistig gestörter Leute. Er betätigt sich wie andere dahingeschiedene Familienmitglieder als Sammler. Hugos Leidenschaft sind menschliche Köpfe, hauptsächlich Frauenköpfe. Seine Jagd läuft immer nach dem selben Muster ab – zuerst becircen und verführen und nach einem amourösen Abenteuer mit der erwählten Dame folgt deren Tod. Was außer einem hübschen Haupt noch an den Ladies dran ist, wird an seine unzähligen im Großkäfig gehaltenen Katzen verfüttert. Ein paar gekochte Häppchen davon gönnt sich Gourmet Hugo bisweilen selbst. Doch eines Tages erweist sich eines seiner Opfer in spe als wehrhafter als gedacht...


Hugo und sein Katzenfutter auf einer Yacht


Hugo streichelt erotisch seinen Bart


Dieser exploitative und äußerst schräge Horrorfilm, den ich anlässlich des diesjährigen "Kultkino Festival" in Dillingen auf einer großen Leinwand erstmalig bestaunt habe, hatte es mir von den ersten Minuten an irgendwie angetan. Sämtliche Absurditäten, Skurrilitäten und diese angenehme Easy Listening Musik ergeben eine äußert erquickliche Kombination.
Was in der Inhaltsangabe tendenziell spektakulär und blutrünstig klingt, wird durch endlos wirkende Aufnahmen von Hubschrauber-Flügen und Hugo Stiglitz, der Frauen beobachtet, unterbrochen bzw. entschleunigt.

Auf eine psychisch etwas ungesund anmutende Weise scheint der mexikanische Schauspieler Stiglitz ("Großangriff der Zombies") mit diesem Film seine narzisstische Ader ohne Scham und falsche Bescheidenheit vollends ausgelebt zu haben.
Als Mitproduzent und Co-Drehbuchautor hatte er natürlich ausreichend Möglichkeiten für das Zelebrieren seiner sagenhaften Selbstinszenierung in diesem Projekt.
Deshalb sehen wir Hugo in der Rolle des Mörders Hugo entweder leicht bekleidet, nackt oder in Designer- Klamotten, in der Abendsonne, auf einem Pferd am Meer entlang reitend, lässig auf dem Motorrad, beim Wasserski Fahren, mit modischer Piloten-Sonnenbrille im Helicopter oder mit den größten Cognacgläsern aller Zeiten in der von auffälligen silbernen Ringen gezierten Hand. Er präsentiert sich gerne an der Seite von weiblichen Schönheiten, als Verführer und so weiter und so fort. Schöne Nahaufnahmen und Zooms rücken den Star in jeder Szene ins rechte Licht.
Als begnadeter Golfspieler überzeugt Hugo sogar eine verheiratete Frau auf Anhieb davon, dass er besser einlocht (!) als ihr Ehemann. Diese an sich fest vergebene Schöne namens Brigitte lässt sich wie Viele vor ihr auf eine Affäre mit Hugo ein. Sie ist auch diejenige, die ihm zum Verhängnis werden wird.
Und glaubt mir, das ist jetzt an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn die Geschichte ist nicht nur auf unterhaltsame Art hanebüchen, sondern sogar mehr als nebensächlich.

Wie bereits erwähnt, es geht um Hugo und um schöne Frauen in einem dekadenten und stilvollen Ambiente.
Natürlich sind auch einige Katzen im Film zu sehen. Die possierlichen felligen Tierchen wurden dem Anschein nach bei den Dreharbeiten alles Andere als pfleglich behandelt. Dabei sind die Szenen, in denen sie unsanft in die Luft geworfen werden, noch eher harmlos. Nun ja. Die Siebziger Jahre waren bekanntlich nicht gerade die beste Zeit für Tiere auf Filmsets. Vom dunkelsten aller Kapitel, dem Tiersnuff, wollen wir mal gar nicht anfangen.

Über Hugo Stiglitz findet man eher spärliche Informationen im World Wide Web. Es sei denn, man spricht spanisch. Denn in seiner mexikanischen Heimat ist der heute Siebzigjährige noch immer ein gefeierter Star, der Filme produziert (in denen er auch selbst mitwirkt) und bereitwillig Interviews gibt.
Laut imdb schaffte es der Darsteller mit österreichischen und mexikanischen Wurzeln sogar, in 240 Credits gelistet zu werden. Recherchiert man seinen Werdegang, bringt man in Erfahrung, dass er Sportler war, zumindest zeitweise an einer Universität studiert hat und viele Ehefrauen und Geliebte (u.a. die österreichische Mimin Barbara Angely, die in "Rache der 1000 Katzen" ebenfalls ein Techtelmechtel mit Hugo hat) beglückte. Ein paar Kinder hat er im Laufe der Jahre natürlich auch in die Welt gesetzt.
Sein Name wurde schlagartig einem größeren internationalen Kreis von Menschen bekannt, als sein treuer Fan Quentin Tarantino den von Til Schweiger gespielten mordlustigen deutschen Offizier in "Inglorious Basterds" eben genau "Hugo Stiglitz" nannte.


Dorgo

"Er ist der einfältigste und harmloseste Butler, den ich jemals hatte."
Hugo über Dorgo

Gerardo Zepeda, ein ehemaliger mexikanischer Wrestler, erlangte in der Welt des Kinos ebenfalls einen gewissen Berühmtheitsgrad. Er spielt in "Die Rache der 1000 Katzen" den grenzdebilen Butler Dorgo, der vornehmlich Grunzlaute von unterschiedlicher Tonhöhe von sich gibt und die Ladies, die Hugo in sein riesiges desolates Anwesen bringt, durch seine bloße Präsenz ängstigt.


Hugo und sein Lieblingsglas

Neben allem bisher Erwähntem leistet die deutsche Synchronisation einen ungemein wichtigen Beitrag zur Auflockerung und Erheiterung. Hugo klingt permanent garstig und missmutig. Sogar, wenn er Sätze wie "Ich bin ein Mann, der sein Leben genießt" sagt, wirkt er als hätte ihm gerade jemand in sein riesiges Cognac-Glas gespuckt.
Umso überzeugender hingegen erscheint das Synchro-Konzept, wenn er Frauen hinterherjagt und dabei so Dinge wie "Ich krieg dich, du Luder!" von sich gibt.
Doch lassen wir das prägnanteste und schönste Zitat Hugos einfach mal für sich sprechen:
"Ich mache keine Witze! Sperr mal deine Öhrchen schön auf. Ich werde Chappi aus dir machen für meine Kätzchen!"

Neben einigen dezenten auftauchenden inhaltlichen Fragen zum Plot ("Hääää?") animiert  "Die Rache der 1000 Katzen" zu weiterem Rätselraten:
Wollte sich Hugo Stiglitz quasi in seinen "besten Jahren" ein Zelluloid-Denkmal setzen?
Oder hat die grelle Sonne Mexikos, die im Film wiederholt eingeblendet wird, den Mitwirkenden derart zugesetzt, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnten? Wurde die Crew etwa so stark geblendet, dass niemand mehr das Drehbuch lesen konnte? Wie viel Cognac passt in ein so großes Glas und wie viel davon hatte Regisseur Cardona intus? Oder hatte irgendwer einfach etwas Geld übrig und wollte mal was ordentlich Abgefahrenes produzieren?

"Die Rache der 1000 Katzen" ist ein wunderliches, belustigendes vom Style der Siebziger Jahre beseeltes Schundwerk, das unter seinem Publikum eine Mischung aus Kopfschütteln, Staunen und Lachen hervorruft.
Empfehlung für exzentrische Menschen mit speziellem Humor, die bereits tief in die Materie des Exploitationfilms abgetaucht sind...




Foto: DVD von cmv



Montag, 4. Juli 2016

THE NEON DEMON (2016)















THE NEON DEMON

Dänemark, Frankreich, USA 2016
Regie: Nicolas Winding Refn
DarstellerInnen: Elle Fanning, Keanu Reeves, Jena Malone, Christina Hendricks, Abbey Lee, Desmond Harrington, Karl Glusman u.a.


Inhalt:
Die 16 Jahre alte Jesse mietet ein Motelzimmer in Los Angeles und bewirbt sich vor Ort bei einer Modelagentur. Prompt wird sie angenommen und erfährt einen beinahe kometenhaften Aufstieg in der Branche. Denn sie hat das "gewisse Etwas", eine unverfälschte Natürlichkeit und eine besondere Ausstrahlung. Da sie Waise ist und auch sonst keine Familie hat, ist sie bis auf ihren Freund Dean sehr einsam und der gnadenlosen kalten Welt ihrer Konkurrentinnen im Mode-Business schutzlos ausgeliefert.
Doch nach und nach beginnt sie sich innerlich und äußerlich zu verändern...


Jesse, das etwas schutzlos wirkende Mädchen


Sichtbare Transformation in Stil und Ausdruck


"The Neon Demon" ist ein Film, der Kritik und Publikum spaltet. Deshalb bestimmt für alle interessant, die ein Interesse an tendenziell etwas kontroverserem und experimentierfreudigerem Kino haben.
Also für Menschen wie mich und meinen Liebsten und... Und??? Ja, wen eigentlich?
Zum ersten Mal saßen wir allein in einem Saal eines großen kommerziellen Kino Komplexes.
Wohl nicht nur aufgrund der Fußball Europameisterschaft, sondern auch wegen des Programms.
Doch halt! Als das Licht bereits gedimmt wurde, tapsten noch drei junge Mädchen kichernd mit Popcorntüten die Stufen rauf und verschwanden in den hinteren Reihen. Die dachten sich vielleicht: "Fußball ist doof. Heute Kino. Schauen wir uns mal den Film über die Models an, der ein bisschen gruselig sein soll."
Ob die auf das Kommende gefasst waren? Vermutlich eher nicht.

Der dänische Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Winding Refn ist beileibe kein Neuling mehr in der Welt der Filmschaffenden.
"The Neon Demon" ist Refns mittlerweile elfter Spielfilm. Im Jahr 2011 verhalf ihm "Drive" zum Gewinn des Regiepreises bei den 64. Filmfestspielen in Cannes und damit auch zu einem gewaltigen Zuwachs an Popularität. Das darauf folgende Werk "Only god forgives" wurde in Cannes ebenfalls für einen Preis nominiert.
Ähnlich verhält es sich mit "The Neon Demon".
Seine bisherigen Filme habe ich mit großem Interesse aufmerksam gesichtet. Aber einer, den ich mir wirklich gerne mehr als ein Mal ansehen möchte oder der prägnante Spuren in meiner Erinnerung hinterlässt, war bislang nicht dabei. Immer hat mir das berühmte "gewisse Etwas" gefehlt. Die Charaktere wirkten für mein Empfinden eine Spur zu motivationslos bzw. fremdgesteuert. Da war kein "Wow-Effekt", kein Samenkorn, das in meinen Gehirnwindungen mit der Zeit aufblühte.
Kurz und gut: Nachhaltige Emotionen hat keiner der genannten Filme bei mir geweckt.

Ganz anders diese Woche bei "Neon Demon". Noch Tage nach dem Kinobesuch drängen sich Bilder in mein Bewusstsein, beschäftigen mich einzelne Szenen und das Gesamtkunstwerk an sich. Der Film hat mich in einer Art und Weise berührt wie keiner seiner Vorgänger.
Er wirkt deutlich nach und ich weiß, dass ich ihn beim nächsten Wiedersehen mit einer anderen Herangehensweise betrachten möchte und werde. Dabei werde ich meinen Fokus vermutlich auf neue Aspekte legen, die ich nach diesem ersten visuellen Erlebnis noch gar nicht in der Lage bin in Worte zu fassen.
Schreiben hilft bekanntlich, Gedanken zu ordnen und da ich sowieso nicht den Anspruch habe, Filme zu analysieren oder inhaltlich zu sezieren, versuche ich schlicht in Worte zu fassen, was ich in "The Neon Demon" gesehen habe.

Elle Fanning, die kleine Schwester von Dakota Fanning (damals hinreißend gut als Kinderdarstellerin an der Seite von Robert DeNiro in "Hide and seek – Du kannst dich nicht verstecken") spielt Jesse.
Die kleine blonde Jesse mit dem Porzellan Teint und den großen blauen Augen, die allein, einsam und verloren wie Rotkäppchen im Wald wirkt. Fast noch ein Kind, das sich durch den Dschungel der Modewelt kämpft, wo in jeder Ecke Gefahren zu lauern scheinen. Sie wird von den anderen Models wie von Geiern umkreist. Sie scheinen ständig nur darauf zu warten, dass "die Neue" stolpert...
Wer meint es gut mit ihr, wer nutzt sie aus, wer bedeutet tatsächlich eine reale Gefahr für sie?
Wer will ihr helfen, sie nur benutzen, sie schützen oder ihr schaden?
Man weiß es zu Beginn nicht mit Sicherheit. Jesse tritt etwas unbeholfen auf und doch hat es den Anschein als ob sie etwas verbirgt. Eine Aura von düsterem Geheimnis umgibt das Mädchen.
Erfahrene Fotografen und Designer werden von ihr angezogen wie die Motten vom Licht. Sie verunsichert ihre Konkurrentinnen. 
Wenn Jesse einen Raum betritt, sind alle Augen auf sie gerichtet. Manchmal erscheint es, als sei ihr das nicht bewusst. Doch hin und wieder lassen ihre Aussagen durchblitzen, dass sie sehr wohl um ihre Schönheit weiß.
Ihre innerliche und äußerliche Transformation findet schließlich vor unseren Augen statt. Zu Beginn durch dezente Andeutungen und dann schließlich überdeutlich.
Jesse wird quasi Opfer des Neon Demons. Der schrillen Modewelt, der Oberflächlichkeit, des Neids und der Verachtung anderer Menschen.
Der Neon Demon füttert die dunkle Seite in ihr.


Farben geben den Ton an 


Die Erzählung rund um dieses mysteriöse Mädchen, das seine (Vor-)Geschichte nur andeutungsweise preisgibt, wird in grellen Farben auf die Leinwand gezaubert. Regisseur Refn ist laut eigener Aussage farbenblind, hat Probleme mit der Wahrnehmung von Zwischentönen. Dementsprechend dominant ist die Farbgestaltung in vielen Szenen.
Manche wirken dadurch grell und laut, obwohl auf der Leinwand gerade nicht viel passiert.
Manches erinnert an "Mulholland Drive", also an die symbolhaften alptraumartigen Bilder eines David Lynch, an die düster-depressive Bildsprache eines Lars von Trier oder an Mario Bavas farbenfrohe Ausleuchtung unheimlicher Szenen. Eine Reminiszenz an den mit dominanter, treibender Musik unterlegten Farbenrausch in Argentos "Suspiria" stellt sich ebenfalls ein.
Refns Stil wirkt mittlerweile gereift. Ganz eigenwillig und von hohem Wiedererkennungswert.
Die hervorragend besetzten Rollen besitzen eine erstaunliche Tiefe, die nicht der Narration des Drehbuchs oder Dialogen geschuldet ist. Sie agieren glaubhaft.

Die ein oder andere (im Kontext des modernen Mainstreamkinos tabubrechende) Szene wirkt nicht aufgesetzt, sondern fügt sich nahtlos in die Handlung ein.
Zu keiner Zeit macht es den Anschein, als gehe es lediglich um verkaufsfördernde "Shocking Moments".
Das Abartige an dem Eintauchen in die Welt der "Schönen" ist, dass diese Branche und die Menschen, die sich darin tummeln bereits so pervertiert wirken, dass auch diese etwas heftigeren Sequenzen nicht als Störfaktor oder Fremdkörper im Gesamtkunstwerk erscheinen.
Das Schaudern beschränkt sich nicht auf die wenigen expliziten Momente, sondern lauert permanent unter der schrillen Oberfläche, nistet sich in vermeintlich unbeobachteten Momenten hinterlistig in Blicken, Gesten und Dialogen ein.

Manche Sequenzen sind auffallend langsam inszeniert. Besonders ins Auge fiel mir die gefühlt unerträglich lange Szene, in der die Visagistin in der Badewanne liegt:
Immer wieder fixiert die Kamera ihren Blick, der befremdlich leer wirkt und je länger man die Person betrachtet, umso mehr versucht man hinter die Fassade zu sehen, Emotionen zu erkennen, Gedanken zu erraten, zu interpretieren. Am Ende bleibt man jedoch verunsichert zurück.
Faszinierend, wie der Regisseur mit solchen scheinbar banalen Situationen spielt.

Für "The Neon Demon" verzichtet Refn auf die im Horrorgenre mittlerweile zum Standard erklärten öden und phantasielosen "Jump Scares" und fordert sein Publikum auf einer ganz anderen Ebene heraus.
Entstanden ist ein Film, der zum Nachdenken anregen kann. Über Schönheit, über den Sinn des Lebens, darüber, was man jungen Menschen suggeriert, wie sie sein und aussehen sollen.
Über Schein und Sein, die Sinnhaftigkeit von Schönheitsoperationen und die Reduzierung auf Äußerlichkeiten. Über eine bestimmte Strömung in unserer Gesellschaft und das Prinzip "Homo homini lupus".
Man kann ihn natürlich auch dumm und unnötig finden oder vielleicht sogar hassen. Die Grenzen verschwimmen schnell, denn Refn hat mit Drehbuch und Inszenierung eine mutige, doch kompromisslose Gratwanderung gewagt.
In dem ein oder anderen Feuilleton wird "The Neon Demon" als "unfreiwillig komisch" bezeichnet und als "Edel-Trash" klassifiziert. Jeder sieht das, was er sehen möchte.
Eines ist sicher: er hat einen nicht zu leugnenden Effekt auf sein Publikum.



Freitag, 24. Juni 2016

NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO (1973)














BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN

Italien 1973
Regie: Vittorio Salerno
DarstellerInnen: Enzo Cerusico, Riccardo Cucciolla, Enrico Maria Salerno, Martine Brochard, Umberto Raho, Loredana Martinez, Luigi Casellato, Claudio Nicastro, Michele Malaspina u.a.


Inhalt:
Der römische Bahnangestellte Fabio Santamaria flüchtet am Wochenende gerne vor seiner fordernden Frau (und Kind) aus der lauten Großstadt zum Angeln auf's Land. An einem See inmitten einer Schilflandschaft hört er eines Tages die panischen Schreie einer Frau. Als er zur Hilfe eilen möchte, wird er just Zeuge eines grausamen Mordes.
Auge in Auge steht er dem brutalen Killer gegenüber. In seiner kopflosen Panik und auf der Flucht vor dem Mörder, der ihn sogar mit dem Auto durch die Innenstadt verfolgt, scheitert er beim Versuch, die Tat einem Straßenpolizisten zu melden. Santamaria lässt immer mehr Zeit verstreichen, um sich mit dem Mord-Dezernat in Verbindung zu setzen. Währenddessen stattet der Täter, ein harmlos aussehender Lehrer namens Ranieri, der römischen Polizei einen Besuch ab und meldet das schreckliche Vergehen. Er dreht den Spieß geschickt um und liefert eine exakte Täterbeschreibung ab. Dadurch gerät der (noch) ahnungslose Santamaria ins Visier der Polizei.
Nur Journalist Don Peppino hat den Verdacht, dass an der Story des Professors etwas faul sein könnte.
Wird die Wahrheit am Ende ans Licht kommen?


Unschuldslamm Ranieri beim Begaffen einer Minderjährigen


Verzweifelt und überfordert: Durchschnittstyp Santamaria


Regisseur Vittorio Salerno ("Fango Bollente") hat mit "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" einen ganz bemerkenswerten hochpolitischen Thriller mit einem nach wie vor brisanten Sujet geschaffen.
Fabio Santamaria ist ein Mann, wie er durchschnittlicher nicht sein könnte: angefangen von seiner 0815-Frisur über seinen 0815-Bart bis hin zu seinen Interessen (Angeln und Fußball).
Santamaria fährt einen etwas in die Jahre gekommenen Mini und wohnt in einem für Rom typischen Arbeiterviertel. Er verdient seine Brötchen als Ticketverkäufer an einem Bahnschalter und hat – wie es sich für einen italienischen Mann seines Alters gehört – eine kleine Familie gegründet.
Leider gibt es in der Ehe Spannungen, denn Fabio weiß mit seiner attraktiven Frau (Martine Brochard) nicht besonders viel anzufangen und lässt in seiner Überforderung den Macho-Ehegatten raushängen.
Aber er ist kein schlechter Mensch und bemüht sich redlich, alles richtig zu machen.

Als er durch seine unverhoffte Zeugenschaft in eine Extremsituation gerät, verliert er den Kopf. Er rast wild drauflos und manövriert sich von einer unangenehmen Situation in die nächste verzwickte Lage.
Manche Kritiker bezeichnen ihn bzw. sein Agieren schlichtweg als "dumm". Doch so hart möchte ich nicht über diesen armen Tropf urteilen.
In meinen Augen ist er ein schlichter Mann mit etwas limitierten Möglichkeiten, der durch eine Verkettung von besonders unglücklichen Umständen in eine Zwickmühle gerät. Und wohl instinktiv ahnt, dass er bei der Polizei schlechte Karten haben wird mit seiner Geschichte.
In manchen Milieus ist es sogar heute noch erstaunlicherweise weit verbreitet, dass der Kontakt zur Polizei eher gescheut und wenn möglich vermieden wird. Denn "man könnte ja Ärger mit denen bekommen". "Mit der Polizei hat man besser nichts zu tun" heißt es oft.
Und zwar nicht (nur) unter Kriminellen, sondern vor allem beim einfachen Bürger von nebenan, der sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen hat, aber dennoch bereitwillig weg schaut und im Zweifelsfall nichts gesehen haben will, um nicht die Aufmerksamkeit der Gesetzeshüter auf sich zu ziehen.
Egal, ob es darum geht, sich als Zeuge eines Diebstahls oder eines Autounfalls oder einer Körperverletzung zu deklarieren. Viele Menschen scheuen den Kontakt mit der Exekutive prinzipiell. Mit Zivilcourage ist es auch im Jahre 2016 bekanntlich nicht allzu weit her.
Auch, wenn die Delikte schwerwiegender sind, ist die Zahl derjenigen, die lieber keinen Ärger mit dem Täter und/oder der Polizei haben wollen und nur allzu gerne bereit sind, zu schweigen, hoch.

Vittorio Salerno hat mit dem Charakter des Fabio Santamaria einen solchen Mann quasi überspitzt dargestellt.
Santamaria hat schon zu viel Zeit verstreichen lassen, um sein Handeln gegenüber den Gesetzeshütern schlüssig erklären zu können. Dies wird ihm deutlich bewusst, als die Panik sich legt und der Adrenalinspiegel sinkt. Und er fängt an, die Sache mit seinen intellektuell begrenzten Möglichkeiten innerlich auszuhandeln. Schließlich hofft er, die Sache einfach aussitzen zu können. Vielleicht fasst man den Mörder ja auch ohne seine Hilfe? Vielleicht ist es sowieso besser, nichts mit alldem zu tun zu haben? Für das Opfer kommt sowieso jegliche Hilfe zu spät.
So denkt er und macht sich dadurch zu einem unfreiwilligen Helfer des Mörders. Bis er ein Phantombild von sich in der Zeitung findet.
Ein genialer Schachzug des wahren Täters.
Dieser wiederum ist ein berechnender Psychopath, jegliche seiner Handlungen sind Resultat von eiskaltem Kalkül. Ein Wolf im Schafspelz. Nach Außen hin jedoch ein angesehener ehrenhafter Bürger, als Lehrer sogar ein wichtiges Mitglied unserer Gesellschaft.
Ranieri ist ein glaubwürdiger Zeuge für die Polizei, die (im Gegensatz zum Journalisten) nicht auf die Idee kommt, seine Aussage zu hinterfragen, sondern voller Tatendrang einem Phantom hinterherjagt.
Immerhin ist alles, was der Professor erzählt, mehr als plausibel. So einem wie ihm glaubt man gern.

An dieser Stelle der Erzählung und der Kernbotschaft dieses Films stecken wir schon ganz tief in der Thematik der Sozialkritik und des Anprangerns von Justizirrtümern.
Der Text des wunderbaren Titelsongs "Mamma Guistizia" (von Komponist Riz Ortolani) mit seinem höchst zynischen und schmerzhaft deutlichen Text unterstreicht das Ausgeliefertsein Fabio Santamarias. Er findet klare Worte für die Tragödie des "kleinen Manns von nebenan", der in die Mühlen der Justiz gerät.
"La legge e uguale per tutti", also "Das Gesetz ist für alle gleich" steht an der Wand im Gerichtssaal, in dem Santamaria sich schließlich wiederfindet.
Ein paar Indizien passen zusammen. Was nicht perfekt ins Bild passt, wird bereitwillig übersehen und geringer gewertet. Sogar befragte Zeugen haben sich mittlerweile ihre eigene Wahrheit zusammen gesponnen und entfernen sich in ihrer Aussage immer mehr von den Tatsachen.
Ist ja bereits klar, wer der Mörder ist.
"Wer stiehlt wird dafür bezahlen. Wer viel raubt bleibt in Freiheit" erklärt uns der Songtext kurze Zeit nach der Szene.
Natürlich war die Dramatik dieser Darstellung der damaligen Situation in Italien geschuldet. Nach vielen Attentaten und Verbrechen, die nicht oder nur unzureichend aufgeklärt wurden, war das Vertrauen der italienischen Zivilbevölkerung in Exekutive und Justiz tiefgreifend erschüttert.
Nicht zufällig werden diese Missstände in vielen Poliziotteschi der Siebziger Jahre aufgegriffen und diverse Konsequenzen (Selbstjustiz, Bildung von Bürgerwehren, Machtlosigkeit der Beamten) aufgezeigt.
Das damalige Ausmaß wird heutzutage in den meisten modernen Gesellschaften nicht mehr erreicht. Dennoch: wer den Begriff "Justiz" mit "Gerechtigkeit" oder "Wahrheitsfindung" gleichsetzt und denkt, dass so etwas in der heutigen Zeit nicht (mehr) passiert, dem gratuliere ich zu seiner schön gefärbten Brille.

Der Film lebt natürlich in besonderem Maße von seinen Darstellern. Allen voran Riccardo Cucciolla ("Nackt über Leichen", "Wild dogs"), der den psychopathischen Lehrer im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch intensiv spielt.
Professor Ranieri ist ein Meister der Manipulation. Nicht nur, weil er es virtuos beherrscht, seine triebhafte abartige Seite vor seinem näheren Umfeld zu verbergen oder die Polizei zu täuschen. Es gelingt ihm sogar, in einer direkten Konfrontation den verblüfften Santamaria durch eine geschickte verbale Täter-Opfer Umkehr zu überzeugen, dass er selbst nicht weiß, was er getan hat und sämtliche Handlungen (auch die Falschbeschuldigung) pure Verzweiflungstaten sind. Eine Meisterleistung psychologischer Beeinflussung.

Der arme ungeschickte Tölpel Santamaria wird verkörpert von Enzo Cerusico. Er mimt den unglückseligen Ticketverkäufer Santamaria mit Bravour und holt das Bestmögliche für seine Figur heraus.

Enrico Maria Salerno, der Bruder des Regisseurs, veredelt den Film (ich bin ja fast versucht zu schreiben, das "Drama") durch sein wie immer tiefgründiges Schauspiel. Die Handlung profitiert deutlich von der Figur des "Don Peppino" genannten Journalisten und wird durch ihn um eine weitere wichtige Facette bereichert.
Als Reporter neapolitanischer Herkunft eckt dieser mit seiner Denkweise, seinen Hypothesen und Methoden in Rom an. Er ist der Einzige, dem Lehrer Ranieri ein Dorn im Auge ist und der gewisse (von der Polizei vernachlässigte) Zusammenhänge näher untersucht.

Umberto Raho ("Jonny Madoc", "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe") ist in einer äußerst kurzen Nebenrolle als Priester zu sehen.
Abgesehen davon ergänzen die übliche Italo-Schauspieler-Riege Luigi Casellato, der wie in "Der Todesengel" einen Kommissar spielt und Don Giuseppe D'Aniello ("Der Teufel führt Regie"), also der Schauspieler Claudio Nicastro.

Ein Orden gebührt dem Label "Camera Obscura", das diesen spannungsreichen Italofilm in Form einer qualitativ hochwertigen Veröffentlichung auf den Markt gebracht hat. Endlich kann man dieses Kunstwerk in exzellenter Bildqualität und mit dem richtigen, vom Regisseur intendierten Ende, genießen.
Ich habe "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" nun zum vierten oder fünften Mal gesehen und noch lange nicht genug von diesem Film, zumal er mit der Camera Obscura-Scheibe noch viel mehr Vergnügen als bisher bereitet.




Foto: Camera Obscura Blu Ray und Eagle Pictures DVD (aus Italien)



Dienstag, 7. Juni 2016

SPECIAL: KULTKINO 2 IM FILMCENTER DILLINGEN




Ein kleiner Erlebnisbericht

Es ist Samstag, der 04. Juni 2016, ein paar Minuten nach 13 Uhr.
Drei Menschen drängen sich durch die Tür des Stadthotel Convikt, wobei zwei davon sich fast im Türrahmen verkeilen und kurz innehalten müssen, um sich zu einigen, wer nun als Erstes durchgehen darf. 
Ein grandioser Auftritt. Erstaunlicherweise werden wir mit den Worten „Endlich mal normale Leute!“ begrüßt. Damit hätten wir nun wirklich nicht gerechnet und sind etwas unsicher, wie dies tatsächlich gemeint ist. Doch Zeit zum Wundern haben wir eigentlich nicht, denn wir werden schon beim Essen erwartet.


Filmwetter in Dillingen













In einem griechischen Restaurant, über das ich an dieser Stelle besser nicht allzu viele Worte verliere, treffen wir auf den Rest unserer Gruppe. Wir verteilen ein paar Ouzos "gerecht" unter den Anwesenden, die bestellten Gerichte werden zügig serviert (immerhin will man das Restaurant scheinbar eine halbe Stunde vor den eigentlich angegebenen Öffnungszeiten schließen) und anschließend geht's ab ins Filmcenter Dillingen.


Das hat einfach Stil


Nach Begrüßung des Publikums durch den Kultkino-Organisator Bernd Spring erzählt uns Florian Bahr etwas über den ersten Film. Sehr positiv auf die ohnehin schon euphorische Stimmung der BesucherInnen wirkt sich natürlich aus, dass er plötzlich anfängt, den Titelsong auf Japanisch vorzutragen und die Anwesenden animiert, mitzusingen.
Was für ein  herrlicher Unfug! Ich bin beeindruckt. "KAE-SE!!! KAE-SE!!!" grölt es im Saal.
Und ab geht's mit einem erquicklichen und abwechslungsreichen Programm:



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Diesen unterhaltsamen Kaiju kannte ich bereits. Und ich mag ihn. Der Niedlichkeitsfaktor ist zwar etwas weniger hoch als beim letztjährigen Kultkino präsentierten "King Kong gegen Godzilla". Zum Ausgleich dafür versprüht der Film Siebziger Flair (psychedelisch bunte Disco-Szenen und japanische Hippies) und besticht durch den der Bezeichnung "Ohrwurm" alle Ehre machenden Titelsong (und nochmal: "Kaese!").
Der Film schlägt - soweit im Gesamtkontext eines japanischen Monsterfilms möglich - etwas ernstere Töne an mit dem Umweltverschmutzungsthema, das so überzeichnet wirkt, dass es schon beinahe wieder lustig ist. Und Hedorah war für mich Liebe auf den ersten Blick. Das Smogmonster, das Godzillas Bewegungen nachahmt und ihn auszulachen scheint, ist einfach Kult. Der große Kampf am Ende ist etwas lang geraten. Doch wie Godzilla Hedorah am Ende fachmännisch auseinander nimmt, stimmt mich wieder versöhnlich. Kaese!


Oh mein Gott, was für ein genialer (w)irrer Film mit einem total geistig verirrten Hugo Stiglitz! Der Kultdarsteller aus "Großangriff der Zombies" intendierte augenscheinlich, sich selbst als Schauspieler ein Denkmal zu setzen. Hugo (so heißt er auch als Protagonist) mit lässiger Sonnenbrille, weit offenem Hemd oder nacktem Oberkörper und exzentrischem Schmuck (man beachte die Ringe) ist ein übler Schurke mit diabolischem Plan.
Um seiner Sammelleidenschaft (Miezekatzen) zu frönen entführt er per Hubschrauber (!) Katzen und andere Miezen (schöne Frauen), wobei Letztere nach dem obligatorischen Sex-Abenteuer dann wiederum als Futter für die felligen Tierchen herhalten müssen. Logisch, oder?
"Ich mache keine Witze! Sperr mal deine Öhrchen schön auf. Ich werde Chappi aus dir machen für meine Kätzchen!" (Zitat Hugo)
Ich muss diesen Film haben! Mein persönliches Highlight im Kultkino Programm.


1975, also im selben Jahr wie mein heißgeliebter "Fango Bollente", entstand unter der Regie von Pasquale Squitieri ("Die Rache der Camorra") dieser im Kriminellen-Milieu angesiedelte Film. Joe Dallesandro spielt hier ebenfalls den Protagonisten, nämlich den mit nur wenig Empathie ausgestatteten Delinquenten Aldo. Aldo tut alles dafür, um möglichst schnell 'ne möglichst große Nummer unter den Ganoven Roms zu werden und vernachlässigt darob seine große Liebe.
Die Story ist etwas Null-Acht-Fünfzehn und pendelt zwischen gezwungener Dramatik, Ernsthaftigkeit und unfreiwilliger Komik mancher Dialoge. Meiner Meinung nach war '75 das attraktivste Jahr des adretten kleinen Amerikaners. Er hat danach nie wieder so toll ausgesehen wie zu dieser Zeit. In jeder noch so unerquicklichen Situation (verprügelt und verletzt) kommt Dallesandro einfach unerhört cool rüber. Unterhaltsam. Vor allem für Joey-Fans.


Dass die Kanadier es in den Siebzigern filmtechnisch wirklich drauf hatten, wurde mit dem legendären "Black Christmas" (1974) erstmalig unter Beweis gestellt. "Party des Grauens" (1976) haut dagegen mehr in die seit "The last house on the left" (1972) populäre "Rape and Revenge" Kerbe. Mir erschien dieser Film im Vergleich zu thematisch ähnlichen Werken etwas zu bieder. Nicht, was die expliziten Gewaltszenen betrifft, sondern die gesamte Inszenierung und das arg gekünstelt anmutende Verhalten der "bösen Buben", die mit ihrem dümmlichen Schuljungen-Charme etwas zu zahm auftreten.
Dafür hat mich die Ähnlichkeit von "Oberfiesling" Don Stroud zu David Soul ("Brennen muss Salem") sehr fasziniert. Und natürlich der Anblick der schönen Kurven der edlen Corvette Sting Ray. Einige spannende und sogar amüsante Momente sorgten schließlich alles in allem doch für gediegene Unterhaltung. Für mich allerdings kein Film zum öfter gucken.



Das schöne Programmheft


Das Bemerkenswerte an den bisherigen Kultkino-Veranstaltungen sind neben der sorgfältigen Auswahl an speziellen Filmen (auf 35 mm) der Enthusiasmus und die mitreißende Begeisterung des Veranstalters und der herzlichen Filmcenter-Inhaberfamilie, was in der Tat von der ersten bis zur letzten Minute spürbar ist.
Mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail wurde auch 2016 wieder dafür gesorgt, dass alle zum Teil hunderte von Kilometern angepilgerten Film-Nerds auf ihre Kosten kamen. Vor den Vorstellungen gab es neben einleitenden Worten immer eine abwechlungsreiche Trailershow (für besondere Freude sorgten bei mir "Planet der Vampire", "Mercenario - Der Gefürchtete" und "Muttertag") zur Einstimmung und natürlich zahlreiche Verlosungen.
Und wer kann schon von sich behaupten, dass er einen (im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlichen) Nitrofilm über ein 1949 in Dillingen stattgefundenes Ochsenrennen gesehen hat? Und wer (mit Ausnahme der FestivalbesucherInnen) hat je einen Hedorah-Monstereisbecher gegessen?


Danke an den Veranstalter, die Filmcenter Dillingen-Crew (besonders an den sympathischen Senior-Chef, der es wagte, uns den Nitrofilm vorzuführen) und allen, die dieses magische Film-Event möglich gemacht haben!


Viele Hedorahs


Mein Hedorah - Schokolade und Mango


EPILOG (wie bei Stephen King - am Ende kommt noch was)

Nach einem schönen Festivaltag saßen wir bis zur Sperrstunde mit unseren Freunden in einem Dillinger Pub. Ganz verzaubert von den vielen (Sinnes-)Eindrücken und etwas benebelt vom Bier bogen wir im Hotel prompt in den falschen Gang ab. Dort war es stockdunkel. Als ich den Schalter zu der etwas spärlichen Beleuchtung am Ende des Ganges betätigte, sah ich mich im Halbdunkel mit einer eigenartigen Gestalt konfrontiert. Doch bevor ich mich darüber wundern konnte, drehte ich mich um und sah meinen heldenhaften Freund, dem diese ominöse Erscheinung wohl mächtig Angst gemacht hatte, die Flucht ergreifen (Für Insider: fast "screaming like a banshee", vgl. "Night of the Creeps").
Um die Ecke und weg war er. Ich stand etwas perplex allein vor dem falschen Zimmer.


Der "Übeltäter" - die Gangskulptur
bei Tageslicht


Was auch immer dieses ominöse Gebilde darstellen sollte - es war nicht der Wicker Man, kein Pumpkinhead und auch kein bösartiges Mutantenmonster aus dem All.

Liebe Kinder und ängstliche Erwachsene!

Dies ist der Grund, warum ihr auf keinen Fall zu viele (Horror-)Filme ansehen solltet. Auf keinen Fall, hört ihr???
Und schon gar nicht vier Filme hintereinander im Kultkino 2017 (ja, das wird es geben!) gucken, denn die Auswirkungen auf eure psychische Verfassung könnten desaströs sein. Und Hände weg von Alkohol!


Ein weiterer Eventbericht ist hier auf italo-cinema.de zu lesen. 

Donnerstag, 2. Juni 2016

DIE SCHLANGENGRUBE UND DAS PENDEL (1967)














DIE SCHLANGENGRUBE UND DAS PENDEL

Deutschland 1967
Regie: Harald Reinl
DarstellerInnen: Lex Barker, Christopher Lee, Karin Dor, Carl Lange, Vladimir Medar, Christiane Rücker, Dieter Eppler u.a.


Inhalt:
Graf Regula wird 1801 wegen Mordes an zwölf Jungfrauen gefoltert und schließlich von Pferden gevierteilt.
Mehr als dreißig Jahre später erhält der Anwalt Roger Mont-Elise eine mysteriöse Einladung, angeblich von Graf Regula höchst persönlich. Er soll, wenn er etwas über seine Vergangenheit erfahren will (Roger kennt weder Eltern noch weiß er etwas über seine Herkunft), sich möglichst bald auf den Weg zu Schloss Andomai im Sandertal machen. Begleitet wird Roger auf seiner Reise von einem etwas rüpelhaften Pfarrer. Unterwegs trifft er auf Baronesse Lilian und ihre Zofe Babette, die das selbe Ziel haben wie er.
Gemeinsam überwinden sie eine Horrorfahrt durch einen gefährlichen Wald, bei der dem Kutscher (im wahrsten Sinne des Wortes) das Herz stehen bleibt. Doch noch gefährlicher wird die Reise beim Eintritt in das berüchtigte Blutschloss. Werden sie es wieder lebend verlassen können?


Es grünt so grün, wenn Christophers Augen glühn...


Dor: Todesangst, aber das Dekolleté sitzt


Kurz nachdem ich Bekanntschaft mit den unvergleichlich ästhetischen Gotikfilmen von Regisseur Mario Bava gemacht hatte, wurde mir dieser Schinken präsentiert.
Etwas gelangweilt von der gefühlt zwei Drittel des Films dauernden Kutschfahrt und dezent enttäuscht von den allzu flachen Dialogen zeigte ich mich wenig begeistert von "Die Schlangengrube und das Pendel".
Doch das liegt mittlerweile über zehn Jahre zurück und aufgrund meiner fortgeschrittenen filmischen Sozialisation sehe ich nun einige Filme in einem anderen Licht.

Heute möchte ich "Die Schlangengrube und das Pendel" in meiner Sammlung nicht mehr missen. Ich habe diesen kurzweiligen Grusler inzwischen einfach lieb gewonnen.
Wenn man sich keinen schwermütigen, düsteren, jederzeit perfekt ausgeleuchteten Genrefilm erwartet, besteht die Chance, die ungemein charmant-naive Seite dieses Werks zu entdecken.
Das Schöne an "Die Schlangengrube und das Pendel" ist seine erfrischende Unvollkommenheit. Sein Mut zur Holprigkeit, der Verzicht auf bedeutungsschwangere Dialoge und die den Kulissen und der wild zusammengeschusterten Handlung zugrunde liegende kindliche Unbedarftheit machen diesen Film zu einem wahren Fest.

Anleihen aus diversen Klassikern des Genres sind klar erkennbar, wurden aber zu etwas wirklich Eigenem modelliert. Ein bisschen Bava, ein bisschen Mad-Scientist, ein bisschen Edgar Allan Poe-Verwurstung, ein bisschen Dracula und schwupps die wupps wird der einst gevierteilte Graf Regula (herrlich: ein etwas grünlicher Christopher Lee) mithilfe des grünen Bluts seines Dieners wieder zusammengesetzt und peinigt die Gäste in seinem Schloss.

Der amerikanische Schauspieler Lex Barker, der sich durch die Rolle des Tarzan und später durch seinen Part als Old Shatterhand in den Karl May Verfilmungen einen Namen gemacht hatte, spielt den galanten und mutigen Roger. Barker gelingt es, trotzt der teilweise konfusen Handlung auch in den kuriosesten Momenten noch erstaunlich seriös zu wirken.
Der attraktiven Karin Dor wurde schauspielerisch für ihre Rolle des ängstlichen Frauchens, das alle fünf Minuten gerettet oder gestützt werden muss, nicht besonders viel abverlangt. "Hauptsache das Dekolleté sitzt tief genug" scheint hier die Devise ihres Gatten (der österreichische Regisseur Harald Reinl) gewesen zu sein.
Lustige Momente beschert auch Vladimir Meda als bärtiger Priester, der in Wirklichkeit ein etwas dümmlicher Bandit ist ("Er ist ein Toter! Ein Toter, der lebt! Ich habe zu wenig im Kopf, um dies zu begreifen!"). Im weiteren Verlauf mutiert er allerdings zu MacGyver, der sich clever Fluchtwege bastelt.
Die bedauerlicherweise kurze, aber unverwechselbare Präsenz eines (unterforderten) Christopher Lee bildet das cineastische Sahnehäubchen auf dem illustren Ensemble.

Gedreht wurde unter anderem im beschaulichen mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber (im Anschluss an diesen Text gibt es ein kleines Drehortfoto-Special) sowie im Isartal bei Straßlach und im Teutoburger Wald.
Die bunten Innenaufnahmen des etwas eng wirkenden Schlosses entstanden in den Bavaria Film Studios.
Mit der Dekoration der Kellergewölbe, der Ausstattung des Labors von Graf Regula und der farbenfrohen Ausleuchtung der genannten Räumlichkeiten wird das Auge bei Laune gehalten während das Drehbuch immer mehr ausdünnt.
Aber das macht überhaupt nichts. Man verteile ein paar Leichenteile, Schaufensterpuppen, eine Handvoll junge Ratten und hungrige Geier im Bild und schon gibt es wieder etwas zu Bestaunen.
Und während Teufelskerl Roger ohne mit der Wimper zu zucken gefesselt gefühlte zwanzig Minuten unter dem langsam näher kommenden tödlichen Pendel liegt, erhält man hinreichend Gelegenheit, die lustigen Wandmalereien im Hintergrund gründlich zu studieren.

"Die Schlangengrube und das Pendel" ist für manche wohl ein stümperhafter und langweiliger Film, für mich allerdings ein farbenprächtiges Spektakel mit augenzwinkerndem Humor.
Praktisch jede Minute passiert etwas, was nicht immer unbedingt erklärt wird oder Sinn macht, aber für gediegene Unterhaltung sorgt.


Lieblingszitate:

"Ich bin schon tot. Gehängt. Ja, gehängt. Wenn man rechtzeitig vom Galgen geschnitten wird, entwickelt der Körper Stoffe, die gegen Kugeln immun machen."
Diener Regulas zum Banditen, der gerade auf ihn geschossen hat

Ebenfalls nicht zu verachten, sind die rücksichtsvollen und Zeit sparenden Ausführungen Regulas, der nach seiner Wiedererweckung das dringende Bedürfnis hat, sich seinen Gefangenen zu erklären:
"Ich will Sie nicht langweilen. Doch ich glaube, ich schulde Ihnen einige Erklärungen.
Ich habe versucht, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen. Ich habe dieses Geheimnis gefunden. Das Blut birgt dieses Geheimnis. Es ist nicht nur der Saft des Lebens. Er birgt in sich das Überleben.
Aber ich will nicht in Details gehen..."




Drehortfotos (Rothenburg ob der Tauber im Mai 16) - Screenshots jeweils linksbündig




































Foto: DVD von ems